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Article #51

Re: In Sachen Ehrenrettung fuer BB

#51
From: Kristian Koehntopp
Date: Tue, 17 Dec 1991 20:56
249 lines
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zrzm0370@rusmv1.rus.uni-stuttgart.de (Joerg Scheurich) writes:
>Wenn schon der Informationsmanager darueber nicht entscheiden darf, wer 
>denn dann ?

Der Leser. Nur der Leser. Ganz allein er. Sonst niemand.

Ihm allein steht das inhaltliche Urteil ueber die Texte zu, die
er zu sich nehmen moechte.

Das ist natuerlich meine persoenliche Meinung und sie ist
ziemlich radikal. Aber sie reflektiert in gewisser Weise den
Geist des neuen Mediums Internet, wie aus dem Rest des Artikel
hoffentlich ein wenig deutlich wird.

[ ... ]
>> Bin ich froh, dass ich meine News nicht von dir bekomme, da du
>> anscheinend einige Komplexe hast, was zwischenmenschliche Beziehungen
>> betrifft, (bist du schon aufgeklaert??? )

>Der obige Satz zeigt, dass irgendwas am News nicht stimmt.
>Wo kann man sonst einen Anderen in dieser Form beleidigen, dass Tausende
>es mitkriegen koennen ?(sonst nur noch in der Presse, oder ?)

Der obige Satz ist in der Form daneben, ganz klar. Er zeigt
aber ein Phaenomen, das das Wesen von News (und USENET/Internet
im Grossen) ausmacht:

Jedermensch hat jederzeit die Moeglichkeit, was immer er will
in welche Gruppe immer er will zu schreiben bzw. dort zu lesen.
Allein der Rezipient bestimmt die Inhalte des Mediums. Das ist
eine neue Eigenschaft fuer ein Medium und sie ist _der_zentrale_
_Punkt_ von News.

Diese Eigenschaft fuehrt nicht immer zu wuenschenswerten
Resultaten, aber das ist auch gar nicht notwendig. Personen,
die sich auf dem Netz weit genug daneben benehmen werden vom
Rest des Netzes mehr oder weniger freundlich auf die gueltigen
Verhaltensnormen fuer zwischenmenschliche Kommunikation
hingewiesen. Sollte das nicht ausreichen, kann der lokale Admin
regulierende Massnahmen ergreifen. Im allgemeinen reicht dieser
Druck aus, um ein genuegend zivilisiertes Umgangsverhalten zu
erzeugen. Die betreffenden Verfahren sind seit Jahren weltweit
erprobt und erfolgreich im Einsatz.

Aeusserungen der obigen (oder schlimmerer) Art, so peinlich und
unangenehm sie im Einzelfall auch sein moegen, zeigen eine
Sache sicher an: Solange es sie noch gibt, ist mit News alles,
aber wirklich alles, in Ordnung.

[ ... viel geloescht ... ]
>> Die Leute, die vorher eine Kopie dieser Bilder und Texte in
>> /usr/spool/news bekommen haben, die einmal ueber Euer Netz
>> gegangen ist, holen jetzt jeder einzeln diese Daten ueber das
>> Netz (FTP und NNTP machen es moeglich). Diese Daten liegen
>> jetzt nicht gesammelt, sondern einzeln und in vielen Kopien auf
>> der Platte.

>Aber kaum auf und von den Platten des Newsservers ...

Aber bestimmt gehen Kopien dieser Artikel jetzt n-mal ueber
die Leitungen des Newsservers oder eines anderen Rechners in
der Naehe.

Es gibt im USENET die alt.*-Gruppen. Ihre Aufgabe ist es,
Gruppen aufzunehmen, fuer die sich in den Big Seven keine
Mehrheit gefunden hat.

Warum macht man so etwas?

Kent Paul Dolan hat anlaesslich der Reorganisation ein sehr
wichtiges Prinzip im Zusammenhang mit News und dem Netz
formuliert, um in seinem Fall die Existenz der Gruppe
comp.sys.amiga.advocacy zu rechtfertigen. Sinngemaess meinte
er: "Es werden, unabhaengig davon ob es eine solche Gruppe gibt
oder nicht, Artikel mit dem Inhalt 'Mein Rechner ist besser als
Deiner' gepostet. Der Traffic in den existierenden
Amiga-Gruppen beweist das. Aufgabe einer Reorganisation ist es
nicht, eine wuenschenswerte Hierarchie zu schaffen, sondern
eine die funktioniert." Die Aufgabe von c.s.a.a ist es, einen
Kanal zu bilden, in dem sich solche Postings sammeln koennen und
dadurch die benachbarten Gruppen frei von solchen Diskussionen
zu halten. c.s.a.a funktioniert - unter anderem deswegen, weil
die Gruppe weit verbreitet ist und deswegen als offizieller
Kanal fuer Postings dieser Art fungieren kann.

Nicht anders ist es auch mit den *.pictures.*-Gruppen. Wuerde
es diese Gruppen nicht geben, waeren sie nicht weit verbreitet,
so wuerden die Bilder auf dem Netz trotzdem auftauchen.
Allerdings an Stellen, an denen sie garantiert stoeren,
beispielsweise in Gruppen, in die sie nicht gehoeren oder in
FTP-Servers, die besseres zu tun haben oder einfach nur in n
Kopien auf NNTP oder FTP-Leitungen (die, nebenbei bemerkt, laut
einem anderen Posting in dieser Gruppe hier 60% des
Netztraffics einer groesseren Installation ausmachen).

Bilder, pornographisch oder nicht, vereinzelt Sounds oder
Animationen, sind sowieso nur der Anfang einer viel groesseren
Datenschwemme, die auf dieses Netz zukommt. Und anstatt die
Leute, die mit solchen Dingen arbeiten, spielen oder
experimentieren in den Untergrund zu treiben (denn genau das tun
Pauschalmassnahmen wie das Abklemmer aller Pictures-Gruppen
oder das generelle Upload-Abstellen bei einem FTP-Server), ist
es wichtig, mit diesen Leuten zu kooperieren, sich ihr
Vertrauen und ihre Mitarbeit zu sichern und ihnen _genau
abgegrenzte_, _zugesicherte_ Bereiche zum Spielen zu geben. Auf
diese Weise (und nur auf diese Weise) ist es moeglich, den
Traffic und zum Teil auch die Inhalte des Netzes zu
kontrollieren, die Entwicklung des Netzes als Ganzes zu richten
und zu lenken.

Eine UNIX-Installation gegen (im Gegensatz zu "mit") die
Benutzer des Rechners zu administrieren ist hart, ein UNIX-LAN
gegen die Benutzer zu administrieren ist die Hoelle und ein
Internet-WAN gegen irgendjemanden verwalten zu wollen ist
einfach nicht moeglich (Und ja, ich weiss, wovon ich rede).
UNIX-Systemverwalter sind auf Kooperation der Benutzer und ein
friendly environment angewiesen. Das ist m.E. ein Feature von
UNIX.

Die Reaktion auf den Artikel in der EMMA, das ueberhastete
Abklemmen von Newsgroups, die "ja das gibt es, wir gehoeren
aber nicht dazu"-Haltung vieler Administratoren zeigt meiner
Meinung nach eine allgemeine Hilflosigkeit und Unreife im
Umgang mit einem neuartigen Kommunikationstool.

Mir als Systemverwalter steht es nicht zu, ueber die Qualitaet,
den Wert und die Rechtmaessigkeit von Inhalten des Netzes zu
richten. Jedermensch muss selbst entscheiden, was er liest, was
er schreibt, was er hinnimmt und was ihn zum Widerspruch
veranlasst.

In einer Zeitung oder in einem unidirektionalen Massenmedium wie
Radio oder Fernsehen nimmt der Redakteur des Rezipienten eine
ganze Reihe von Verantwortlichkeiten fuer den Inhalt der
verbreiteten Informationen ab: Er entscheidet ueber Form, Menge
und Inhalt der verbreiteten Information, er befreit den Leser
von der Qual der Selektion und Aufbereitung von Information,
aber er _macht_ auch Meinungen. Der Rezipient ist in
Wirklichkeit ein Konsument.

Netze wie USENET verschieben diese Verantwortlichkeiten
vollstaendig in Richtung Teilnehmer. Jeder Leser muss sein
eigener Redakteur sein, sortieren, loeschen, unterdruecken,
zensieren, hervorheben, markieren, ueberarbeiten, filter und
_werten_. Mir ist klar, dass das nicht immer wuenschenswert
ist, dass das Zeitungen nicht ueberfluessig macht und das so
etwas den Leser Zeit kostet; ich weiss, dass es auch auf dem
USENET moderierte Gruppen gibt. Aber diese Eigenschaft, die
Verantwortlichkeit fuer Inhalte voll auf den Leser zu
verschieben, die ist das neue Feature von News, sie ist die
_Chance_ von USENET und der Grund fuer seine Attraktivitaet.

Das ist der Grund, warum ich News lese, warum ich diese
Eingangs dargestellte radikale Meinung vertrete und warum ich
jegliche Eingriffe in den Inhalt von News zunaechst einmal
defaultmaessig fuer schlicht falsch halte.

Soweit mein Beitrag zur Grundsatzdiskussion. Noch einige
Anmerkungen zu den Anmerkungen:

[ ... ]
>> Ein Problembewusstsein hast Du nicht geschaffen, eine
>> Diskussion hast Du nicht verursacht.

>Ist das hier keine Diskussion ?

Sie findet an der falschen Stelle und mit den falschen Leuten
statt. Sie muesste mit den Leuten stattfinden, die in
Terminalraeumen an Unis Probleme machen oder mit den Leuten,
die megabyteweise Platten mit Datenschrott zumuellen.

>>         Denn die Administration der Maschine arbeitet ja gegen
>> die Benutzer.

>Man merkt, dass der Poster keine Ahnung hat, wovon er spricht. Vielleicht
>waere es gut, wenn der Poster sich informieren wuerde, bevor er solche 
>haarstraeubenden Behauptungen aufstellt (finger, talk, mail ...) 

Ich weiss nicht, wie die Zustaende bei Euch sind. Aber ich
weiss, wie es ist, Unices zu verwalten.

Und ich weiss, wie es ist, auf Kisten zu arbeiten, bei denen
man das Gefuehl hat, die Adminstration arbeitet, um meine
Arbeit (Arbeit = Das was ich mit der Kiste tun will) zu
behindern. Wo man Angst hat, eine entdeckte (d.h. nicht
offiziell dokumentierte) Extramoeglichkeit zu melden, weil man

a) von der Administration der Maschine sowieso nicht als
   muendig, geschweige denn kompetent angesehen wird.
b) Angst hat, diese moeglicherweise arbeitserleichternde
   Moeglichkeit wieder zu verlieren und
c) bei der Meldung einer solchen Sache noch Repressalien wegen
   Hackings befuerchten muss ("This information is beyond your
   security clearance, citizen." -- Paranoia).

>> Alternativen?
>> 
>> Runtersetzen des expires in solchen Gruppen auf zwei Tage. Das
>> spart Plattenplatz.

>Ein typischer News-junkie-vorschlag. Wem nuetzt News, wenn man nicht mal
>uebers Wochenende ohne News auskommen kann, um nicht Informationen zu 
>verlieren ? Nur noch einer Minderheit... , da kann man es auch gleich 
>loeschen ... 

Ich schrieb "in diesen Gruppen", nicht "in allen Gruppen". Wenn
high-volume Gruppen auf ein so kurzes expire gesetzt werden,
nehmen sie nicht mehr Platz weg, als Gruppen mit normalem
Traffic auch.

>> Selektives automatisches bestellen von Gruppen: gensys
>[ Argumentation gekuerzt ... ]
>> Das minimiert den Netztraffic.

>Und erhoeht die CPU-belastung, oder ? (von nichts kommt nichts ...)
>Ich nehme an, dass Fr. Burr ihren Rechner trotz News weiterhin benutzen will...

Ich spare mir hier die Retourkutsche mit dem "erst mal
informieren". "gensys" ist kein Daemon, der Netztraffic und
CPU-Belastung erzeugt. Es handelt sich um ein Programmpaket,
das 1-4 mal pro Tag, moeglichst in den fruehen Morgenstunden
und etwa im Anschluss an expire gestartet wird und verschieden
CPU-intensiv konfiguriert werden kann.

Selbst bei reichlichen Kapazitaeten ist es sinnvoll, dieses
Tool einzusetzen: Denn was nuetzt es, sich die Platten mit
hunderten von ungelesenen Gruppen vollzuknallen, wenn man
stattdessen die Standzeit des Restes erhoehen koennte.

>> Und wenn ich die Weisung vom Rektorat oder wem auch immer
>> kriege, solche Dinger abzubestellen?
>> 
>> Auf die Wirksamkeit solcher Massnahmen hinweisen.

>Das Rektorat wird den Poster dann auf die Konsequenzen hinweisen. Wegen
>der juristischen Voraussetzungen wird der Poster dann ueber kurz oder lang
>den kuerzeren ziehen...

Ich sage nicht: "Die Weisungen nicht befolgen". Ich sage nur
"Auf die Wirksamkeit dieser Massnahmen hinweisen". Ich hoffe
naemlich immer noch darauf, dass die betreffenden Personen von
ihren Massnahmen absehen werden, wenn sie deren
Wirkungslosigkeit (oder sogar Schaedlichkeit!) erkennen.

Kristian
-- 
Kristian Koehntopp, Harmsstrasse 98, 2300 Kiel, +49 431 676689
"Was kann die Welt dafuer, dass ich sie liebe, ich lieb' sie nur wegen Dir."
	-- "Kuddeldaddeldu"
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