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Article #548

Eindruecke von einer Vortragsreise in die DDR

#548
From: Hans-Werner Hein
Date: Thu, 24 Aug 1989 09:22
358 lines
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From: sbsvax!grs@fb10vax.sbsvax
To: mod-ki@unido.uucp
Date: Wed, 23 Aug 89 14:27:01 N
Subject: Eindruecke von einer Vortragsreise in die DDR
Keywords: Berichte

mod-ki message 0283
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EINDRUECKE VON EINER VORTRAGSREISE IN DIE DDR

Gudula Retz-Schmidt
SFB 314
Fachbereich 10 - Informatik
Universitaet des Saarlandes
D - 6600 Saarbruecken 11
e-mail: grs@sbsvax.uucp

Im Juni 1989 war ich auf Einladung  des  Forschungsbereichs  Kuenstliche
Intelligenz der Martin-Luther-Universitaet  Halle-Wittenberg  auf  einer
Vortragsreise in der  DDR.  Diese  Reise  fuehrte  mich  zunaechst  nach
Berlin --- an die Humboldt-Universitaet zu Berlin und  an  die  Akademie
der   Wissenschaften   der   DDR,    dann    nach   Halle  ---  an   die
Martin-Luther-Universitaet    Halle-Wittenberg,     danach     an    die
Karl-Marx-Universitaet  Leipzig  und  schliesslich  an  die   Technische
Universitaet Dresden. Damit wandelte ich z.T. auf den Spuren von  Alfred
Kobsa,  der  ja  bereits  in  KI 2 (1988)  ueber  eine  aehnliche  Reise
berichtet  hatte  [1].  Seither  hat   sich   einiges   veraendert   und
weiterentwickelt (so gilt beispielsweise das Kulturabkommen zwischen der
Bundesrepublik und der DDR mittlerweile auch fuer  die  Informatik).  Es
gibt eine ganze Reihe neuer Aktivitaeten auf dem Gebiet der KI;  und  so
kann dieser Bericht noch viel weniger den Anspruch darauf erheben, einen
vollstaendigen und inhaltlich ausgewogenen Ueberblick ueber  die  KI  in
der DDR zu bieten. Es werden  nur  solche  Projekte  und  Systeme  etwas
ausfuehrlicher beschrieben, die ich auf meiner Reise kennengelernt habe.

An  der  Humboldt-Universitaet   zu   Berlin   wird   in   verschiedenen
Einrichtungen Informatik --- und im Rahmen davon auch  KI --- betrieben,
und zwar am Organisations- und Rechenzentrum (ORZ;  Direktor:  Prof. Jan
Grabowski), in der Sektion Wissenschaftstheorie und -organisation  (WTO;
Direktor: Prof. Thomas Hager) und in der Sektion  Mathematik  (Direktor:
Prof. Hans Schiemangk). Ich war von der Sektion WTO eingeladen und hatte
Gelegenheit, mit  einigen  Mitarbeitern  zu  sprechen.  Dr. Arne Fellien
leitet  ein  Projekt,  in  dem  in  Zusammenarbeit  mit  Behoerden   und
Industriepartnern ein wissensbasiertes System (CIVITAS, frueher: ISAEXP)
fuer  die  Entwicklung,  Pruefung  und  Ausschoepfung   staedtebaulicher
Modelle und Theorien entwickelt wurde. Unter dem  Anwendungsaspekt  soll
das System fuer  die  Entscheidungsunterstuetzung  bei  staedtebaulichen
Massnahmen eingesetzt werden. Unter dem theoretischen  Aspekt  soll  das
Projekt Erkenntnisse fuer den Entwurf von Wissenschaftlerarbeitsplaetzen
zur Unterstuetzung wissenschaftlicher Theorieentwicklung liefern. In der
Arbeitsgruppe  Automatisierte   Sprachverarbeitung   der   Sektion   WTO
beschaeftigen sich Dr. Rolf Steiger  und  Dr. Susanne  Seffner  mit  der
automatisierten Textanalyse und Indexierung von medizinischen  Befunden,
mit dem Ziel, konventionell geschriebene medizinische Befunde inhaltlich
zu erschliessen und auszuwerten. Dafuer  wurde  das  am  Zentralinstitut
fuer Kybernetik und Informationsprozesse der Akademie der Wissenschaften
(s.u.)  erstellte   System   SYSAN   weiterentwickelt   und   fuer   die
syntaktisch-semantische Analyse der Texte benutzt.  Das  System  erzeugt
fuer  eine  Sachverhaltsaussage  eine  Indexierungsstruktur,  die  einem
Praedikat mehrere Argumente (in etwa vergleichbar mit Kasusrollen),  und
sowohl dem Praedikat als auch jedem  der  Argumente  wiederum  Attribute
zuordnet. In derselben Arbeitsgruppe arbeitet  Dr. Hannelore Voelkel  an
einem merkmalsorientierten semantischen  Woerterbuch,  das  dazu  dienen
soll, die  syntagmatischen  und  paradigmatischen  Bedeutungsbeziehungen
darzustellen, die ein Lexem im Kontext eingehen kann. Dieses Woerterbuch
soll spaeter einmal in  automatischen  Uebersetzungssystemen  eingesetzt
werden koennen. Bisher wurden dabei schwerpunktmaessig  Adjektive  sowie
Verben der Information behandelt. --- Daneben wird die KI an der Sektion
WTO    auch    ---   insbesondere    unter    wissenschaftstheoretischen
Gesichtspunkten --- kritisch beleuchtet (Prof. Klaus Fuchs-Kittowski).

Fuer    die    KI    relevante    Fragestellungen    werden    an    der
Humboldt-Universitaet auch an der Sektion  Psychologie  (Prof. Friedhart
Klix,  Prof. Bodo Krause:  Kognitive  Psychologie)  behandelt,  die  ich
jedoch nicht besucht habe.

An  der  Akademie  der  Wissenschaften  der  DDR  gibt  es  KI-relevante
Forschung vor allem im Zentralinstitut  fuer  Sprachwissenschaft  (ZISW;
Prof. Juergen Kunze,  Prof. Manfred Bierwisch)  und  im  Zentralinstitut
fuer Kybernetik und Informationsprozesse  (ZKI;  Direktor:  Prof. Volker
Kempe), in letzterem u.a. in  den  Bereichen  KI  (Leiter:  Dr. Dietrich
Koch) und Psychologie  (Leiter:  Prof. Fritz Wysotzki),  die  ich  beide
besuchte. Ein Schwerpunkt im Bereich KI des ZKI ist die Entwicklung  von
Basis-Software fuer KI-Systeme (Dr. Horst Friedrich, Prof. Ulrich Geske,
Dr. Dietrich Koch). Darunter fallen z.B. die Entwicklung von  CommonLISP
und die Kombination von logischen und funktionalen  Programmiersprachen.
Daneben wurden mir einige der hier entwickelten KI-Systeme  vorgefuehrt:
ein System zum heuristischen Lernen der raeumlichen Anordnung von Teilen
komplexer Proteinstrukturen (Dr. Jochen Selbig), das  gekoppelt  ist  an
eine  Proteindatenbank  und  an  ein  CAD-System  zur  Darstellung   von
Molekuelstrukturen auf dem Bildschirm; ein System (RDS) zur  Planung von
chemischen Syntheseprozessen (Dr. Weise, Dr. Klaus Biedka), das top-down
(Vorgabe eines zu synthetisierenden  Stoffes),  bottom-up  (Vorgabe  von
Nebenprodukten einer Synthese, die noch  verwertet  werden  sollen)  und
gemischt vorgehen kann; ein System  zur  automatischen  Programmsynthese
(Prof.  Reinhard  Klette),  dem  als  Wissensbasis  eine   hierarchische
Struktur von  Programmteilen  und  Operationen  zugrundeliegt;  und  ein
Bildverarbeitungssystem  (Dr. Winter u.a.),  das --- ausgehend  von  der
Annahme, dass Strassen sich vor allem durch ihren homogenen Grauwert vom
Hintergrund  unterscheiden --- unter  Benutzung  verschiedener  Merkmale
Strassen aus der Perspektive von darauf befindlichen Fahrzeugen erkennt.

Im Bereich Psychologie des ZKI (soll  demnaechst  ein  eigenes  Institut
werden)  werden  u.a.  Themen  wie  menschliches  Problemloeseverhalten,
Lernen  von  Graphenstrukturen  (Prof. Fritz  Wysotzki),  wechselseitige
Anpassung von Wahrnehmung  und  Verhaltenssteuerung,  Programmierbarkeit
struktureller  Beziehungen  in  Bewegungsfolgen  (Dr. Michael Ziessler),
selektive  Informationsaufnahme  (Dr.  Udo  Grosser),  und   Interaktion
zwischen  globalen  und   lokalen   Interpretationsprozessen   bei   der
Objektwahrnehmung und -klassifikation (Dr. Uwe Kaempf) behandelt.

An   der   Martin-Luther-Universitaet   Halle-Wittenberg   (MLU)    wird
KI-Forschung   am   Organisations-  und  Rechenzentrum  in  Halle  (ORZ;
Direktor:  Prof.  Johannes  Kroetenheerdt)  betrieben,   und   zwar   im
Forschungsbereich KI  (Leiter: Dr. Hartmut Doerner).  Dort  beschaeftigt
man sich mit  Wissensrepraesentation  sowie  ihren  philosophischen  und
mathematischen   Aspekten   (Dr.  Hartmut  Doerner),   mit   unscharfem,
unsicherem  und  unvollstaendigem  Wissen  (Dr.  Christoph  Bauer),  mit
logischer Programmierung (Dr. Juergen Cleve) und  mit  Datenbanken  (Dr.
Hans-Hartmut    Hoellering).    Daneben    bildet    die    Arbeit    an
Expertensystem-Tools und Expertensystemen einen Schwerpunkt. In dem  von
der Industrie gefoerderten Projekt EXPSR  wird  Grundlagenforschung  auf
dem Gebiet der Expertensystem-Rahmen betrieben. Dabei geht es in  erster
Linie um Expertensysteme fuer Konfigurierungsaufgaben. Das  System  EPEX
ist ein Expertensystem-Shell  auf  der  Basis  von  Prolog  (Dr. Juergen
Cleve).  Als  Anwendungsbeispiel  wurde  u.a.  ein  Expertensystem  fuer
Diagnose und Therapievorschlaege im medizinischen Bereich entwickelt. In
dem ebenfalls von der  Industrie  gefoerderten  Grundlagenprojekt  LCDES
(Logical Chemical  DESign)  wird  ein  Expertensystem  zum  Entwurf  von
chemischen  Substanzen  mit  vom  Benutzer  vorzugebenden  Eigenschaften
entwickelt. Das System greift auf in einer Datenbank  abgelegtes  Wissen
ueber die chemischen Eigenschaften  von  Strukturen  und  Teilstrukturen
zurueck, um (mittels eines Regelwerks, das  heuristisches  Wissen  ueber
moegliche   Strukturen   sowie   ueber   die   Synthetisierbarkeit   von
Teilstrukturen repraesentiert) die Strukturformel  einer  Substanz,  die
die vorgegebenen Eigenschaften besitzt, zu ermitteln. Das  Gesamtprojekt
umfasst weitere  Stufen  von  logical  chemical  design;  z.B.  ist  die
Kopplung mit dem an der Akademie der Wissenschaften entwickelten  System
RDS (s.o.) fuer die Planung von Syntheseprozessen vorgesehen.

An  der  Karl-Marx-Universitaet  Leipzig  (KMU)  wird  an  der   Sektion
Theoretische  und   Angewandte   Sprachwissenschaft   (TAS)   in   enger
Zusammenarbeit   mit   Informatikern   ein   Expertensystem   fuer   die
Unterstuetzung bei der Uebersetzung  von  Fachtexten  entwickelt  (Prof.
Albrecht Neubert). Es  verfuegt  ueber  Weltwissen  sowie  Wissen  ueber
Textstrukturen  und  Formulierungen.  Im  Gegensatz   zu   automatischen
Uebersetzungssystemen  soll  das   System   den   Benutzer   (d.h.   den
Fachuebersetzer) nicht in den Bereichen entlasten, in denen er  sich gut
auskennt (z.B. Grammatik), sondern in den Bereichen, in denen er weniger
gut bewandert ist (z.B. Fachterminologie). In  der  Sektion  Informatik,
die demnaechst an der Karl-Marx-Universitaet gegruendet wird  (Direktor:
Prof. Wolfgang Lassner) und an der auch  Sprachwissenschaftler beteiligt
sein werden, soll ein System entwickelt werden, das ausgehend von  einer
Wissensbasis ueber  ein  Fachgebiet  automatisch  Pruefungsfragen  ueber
dieses Fachgebiet generiert (Prof. Rudi Conrad, Prof. Bernd Koenitz).

In  Leipzig  gibt  es  Informatik-Forschung  auch  an  der   Technischen
Hochschule Leipzig, und zwar an der Sektion  Mathematik  und  Informatik
(Direktor: Prof. Hans-Juergen Sebastian). Dabei ist aus dem Bereich  der
KI  vor  allem  das  maschinelle  Lernen  (Prof. Klaus-Peter Jantke)  zu
nennen.

An der Technischen Universitaet Dresden wird Informatik in den Sektionen
Mathematik und Informationstechnik, vor allem aber am Informatik-Zentrum
des Hochschulwesens, betrieben. Das Informatik-Zentrum ist 1986 aus  der
Sektion   Informationsverarbeitung   der   TU  Dresden   und   aus   der
Ingenieurhochschule Dresden entstanden. Es hat Forschungs-, Ausbildungs-
und Dienstleistungsaufgaben und ist mit 390 Mitarbeitern  und  jaehrlich
ueber 300 Studienanfaengern die groesste Einrichtung der DDR  in  diesem
Bereich.  KI-Forschung  wird  betrieben  in  den  Wissenschaftsbereichen
Theoretische Informatik (u.a. digitale  Bildverarbeitung  (Prof. Fuchs),
algebraische Software-Spezifikation  (Prof. Horst Reichel))  und --- vor
allem --- Angewandte Informatik (Leiter: Prof. D. Schubert).  Hier  gibt
es  eine  KI-Gruppe  (Leiter:  Dr. Uwe  Petersohn),  die  sich  mit  der
Entwicklung von Basis-Software fuer KI-Anwendungen befasst. Dabei wurden
mit den beiden Systemen ETA-P DCP und  ETA-L DCP  Entwicklungsumgebungen
und Toolsysteme zur Projektierung wissensbasierter Anwendungssysteme auf
der Basis von Prolog bzw. LISP  geschaffen,  die  auch  Komponenten  zur
Wissensrepraesentation,  zur  objektorientierten   Programmierung,   zur
Kopplung mit Datenbanken und zu Problemloesungsverfahren  enthalten. Die
Systeme  ETA-P  und  ETA-L   werden   bisher   eingesetzt   zum   Aufbau
verschiedener Expertensysteme, u.a. in den Bereichen  Textiltechnologie,
Umweltschutz und Schaltkreisentwurf. Die Entwicklung von ETA-P und ETA-L
ist angesiedelt im Hochschul-Industrie-Komplex Kuenstliche  Intelligenz,
an dem die TU Dresden und der VEB Robotron beteiligt sind. Ebenfalls  im
Rahmen des Hochschul-Industrie-Komplexes KI gibt es eine  Zusammenarbeit
zwischen  der  Sektion  Informationstechnik  (Prof. W. Tscheschner)  und
Robotron  (Dr.  Hermann  Helbig)  auf   dem   Gebiet   der   akustischen
Sprachverarbeitung. Dabei soll  gesprochene  Sprache  sowohl  analysiert
als auch generiert werden. Als Anwendungsbereich  wird  insbesondere  an
Kommunikationsmoeglichkeiten fuer Behinderte gedacht.

Am VEB Robotron in Dresden gibt es eine  KI-Forschungsgruppe,  die  sich
u.a. mit der Verarbeitung natuerlicher Sprache beschaeftigt (Leiter: Dr.
Hermann Helbig). Dort ist ein natuerlichsprachliches Interface NLI-AIDOS
zu Informations- und Expertensystemen entstanden. Es  arbeitet  bei  der
Analyse mit einem  wortklassenorientierten  Verfahren  WCFA  (Word-Class
Controlled  Functional  Analysis),   das   einen   Ausdruck   in   einer
semantischen Zwischensprache erzeugt, die unabhaengig  von  der  aktuell
verwendeten Datenbasis ist. Daraus wird in einem  zweiten  Schritt  eine
Anfrage  in  der  Sprache   der   Datenbasis   erzeugt.   Anstelle   von
natuerlichsprachlichen Anfragen kann der Benutzer jederzeit auch formale
Anfragen stellen oder  Funktionstasten  benutzen.  Die  Ausgabe  erfolgt
nicht in natuerlicher Sprache, sondern als  Liste  von  Eintraegen.  Als
Datenbasis wurde bisher das  Literaturrecherchesystem  AIDOS  verwendet,
und zwar mit Literatur ueber KI. Die Anwendung soll aber auch auf andere
Bereiche    ausgedehnt    werden.    In     Zusammenhang     mit     dem
natuerlichsprachlichen Interface wurde  auch  eine  Lexikologen-Werkbank
entwickelt,  die  es  dem  Benutzer  erleichtern   soll,   ins   Lexikon
syntaktische und semantische Information  zu  den  Datenbasis-Eintraegen
einzugeben. Dabei macht das System selbst Vorschlaege (z.B. zur  Flexion
oder Zugehoerigkeit zu semantischen  Klassen),  die  der  Benutzer  dann
entweder bestaetigen oder abaendern kann.

Weitere Forschungsaktivitaeten auf dem Gebiet der  KI  gibt  es  an  der
Sektion Informatik der Technischen  Universitaet  Karl-Marx-Stadt  (u.a.
Fuzzy-Logiken  (Prof. Ch.  Posthoff)),  an  der  Technischen  Hochschule
Ilmenau  (Prozesssteuerung,  Informationssysteme,  Beratungssysteme   im
technischen Bereich (Prof. Juergen Wernstedt),  neuronale  Netze  (Prof.
Koerner)) und  an  der  Friedrich-Schiller-Universitaet  Jena  (digitale
Bildverarbeitung (Prof. Klaus Voss)).

Es gibt in der DDR eine  ganze  Reihe  von  Tagungen  und  Workshops  zu
KI-Themen. So fand z.B. im Rahmen von ASKI '89  (Arbeitsseminar KI)  vom
4. bis 6.4.89 ein Workshop ueber Wissensrepraesentation statt. Im Rahmen
der "BIT '89: Computers in Science and Higher  Education"  vom  19.  bis
23.6.89 in Berlin wurden auch ein Workshop "Logische Programmierung" und
die   Jahrestagung   der   Fachsektion   Kuenstliche   Intelligenz   der
Gesellschaft fuer Informatik der DDR (mit  Beitraegen  zur  Nutzung  von
Tiefenwissen in Expertensystemen sowie  zu  neuronalen  Netzen  und  der
Connection Machine)  abgehalten.  Am  Interdisziplinaeren  Seminar  fuer
wissenschaftlichen  Nachwuchs  an  der  Karl-Marx-Universitaet   Leipzig
(INTSEM) wurde vom 26. bis 30.6.89 ein  interdisziplinaerer  Kurs  ueber
"Algorithmisches Lernen"  durchgefuehrt  (Prof. Klaus-Peter Jantke).  In
Berlin  wurde  vom  10.  bis  13.7.89  von  der   IFIP   und   von   der
Humboldt-Universitaet  die  Tagung   "Information   Systems,   Work  and
Organization   Design"   (Chairman:    Prof.    Klaus   Fuchs-Kittowski)
veranstaltet,  auf  der  sich  Arbeitsgruppen  u.a.   mit   den   Themen
"Information, Human Activity and Mind" und "Experiences and  Impacts  of
Knowledge-Based Systems for Work and Organization Design" (Chairman: Dr.
Arne   Fellien)   befasst   haben.   Im    Oktober    1989    wird    in
Reinhardsbrunn/Friedrichroda (Thueringen) der "International Workshop on
Analogical and  Inductive  Inference"  von  der  Technischen  Hochschule
Leipzig (Prof. Klaus-Peter Jantke) durchgefuehrt. Vom 13.  bis  17.11.89
findet ebenfalls im Schloss- und Parkhotel von Reinhardsbrunn die zweite
KI-Sommerschule    der    DDR     ( KISS )     statt     ( Veranstalter:
Martin-Luther-Universitaet  Halle-Wittenberg   und   Gesellschaft   fuer
Informatik der DDR; Leitung: Dr. Hartmut Doerner). Dort werden Kurse aus
dem Bereich  Grundlagen  von  Expertensystemen  (Wissensrepraesentation,
Inferenz  und  Technologie)  abgehalten.  1990  soll   in   Berlin   ein
internationaler Workshop ueber  "Theory  and  Model  Based  Systems  and
Reasoning"  durchgefuehrt  werden  (Dr. Arne  Fellien).  Ausserdem  wird
ueblicherweise  in  jaehrlichem  Rhythmus   die   Tagung   "Automatische
Sprachverarbeitung" (Prof. Juergen Kunze) abgehalten.

Die wissenschaftlichen  Kontakte  von  KI-Forschern  innerhalb  der  DDR
erstreckten sich bisher  vorwiegend  auf  den  Bereich  der  Informatik.
Jetzt entwickelt sich in  Leipzig  auch  eine  enge  Zusammenarbeit  mit
Sprachwissenschaftlern    ( s.o. ).     Aktivitaeten     in     Richtung
Kognitionswissenschaft sind in der DDR jedoch noch kaum vertreten.

Ein allgemeiner Eindruck meiner Reise war, dass die KI-Forschung in  der
DDR viel staerker anwendungsorientiert ist als  in  der  Bundesrepublik.
Die    Grundlagenorientiertheit    unseres    Projektes     VITRA     im
Sonderforschungsbereich 314 erregte oft ein gewisses  Staunen;  und  ich
wurde haeufig gefragt, fuer welchen Zweck denn unsere  Systeme  CITYTOUR
und SOCCER eingesetzt werden sollen. Zwar gibt es auch in  der  DDR  die
Moeglichkeit der Foerderung reiner Grundlagenforschung.  Dies  geschieht
direkt aus dem  Staatshaushalt,  bei  Hochschuleinrichtungen  ueber  das
Ministerium fuer Hoch- und Fachschulwesen (eine  der  DFG  vergleichbare
Institution gibt es in der DDR nicht). Die  Projekte  muessen  bestimmte
Kriterien (z.B. zu erwartende Qualitaet der  Ergebnisse,  internationale
Relevanz) erfuellen,  um  gefoerdert  zu  werden.  Insgesamt  wird  aber
angestrebt, dass ca. 50% Forschung von der Industrie finanziert  werden,
um  ein  enges  Zusammengehen  und  eine  gegenseitige  Befruchtung  der
Industrie  und  der  Forschungseinrichtungen  zu  bewirken.  Auch  unter
oekonomischen Gesichtspunkten ist es von Bedeutung, dass  die  Forschung
konkret einsetzbare und moeglichst auch  verkaufbare  Produkte  liefert.
Darueber hinaus haben viele KI-Forscher in der DDR auch von sich aus ein
Interesse, anwendungsorientierte Forschung zu betreiben.

Neben immer noch bestehenden Problemen mit der Hardware-Ausstattung  und
mit der Beschaffung von Literatur aus dem  westlichen  Ausland  gibt  es
z.T.  auch  Personalengpaesse  bei  Informatikern  oder  Engpaesse   bei
studentischen Hilfskraeften. Dies liegt u.a. daran, dass Mitarbeiter  im
allgemeinen nicht von anderen Institutionen abgeworben  werden  duerfen.
Hierzu  existieren  zwischen  einzelnen  Einrichtungen   oder   regional
getroffene   Vereinbarungen.   Weitere   Gruende   sind   die   besseren
Verdienstmoeglichkeiten in der Industrie  und  die  begrenzte  Zahl  von
Informatikern,   die   bisher    ausgebildet    wurde.    Eine    eigene
Informatik-Ausbildung gab es bisher nur an der TU  Dresden,  an  der  TU
Karl-Marx-Stadt,    an    der     TU    Magdeburg     und     an     der
Wilhelm-Pieck-Universitaet Rostock. Davon  entfiel der  Loewenanteil auf
Dresden. An der KMU Leipzig wird es ab 1.9.89  eine  Sektion  Informatik
geben, an der Wissenschaftler der Sektionen Mathematik, Theoretische und
Angewandte Sprachwissenschaft u.a. beteiligt sein  werden.  An  der  MLU
Halle, wo am  Organisations-  und  Rechenzentrum  im  Ausbildungsbereich
bisher  nur  Dienstleistungen  fuer  Studenten  anderer  Sektionen   zur
Verfuegung gestellt wurden, wird 1991 ebenfalls eine Sektion  Informatik
gegruendet werden.  Das  hat  aber  noch  nicht  notwendigerweise  einen
Anstieg der Informatikstudentenzahl in der DDR insgesamt zur Folge, denn
die  Studentenzahl  ist  im   Rahmen   der   gesamtstaatlichen   Planung
kontingentiert, so dass ein  Anstieg  an  einer  Universitaet  zunaechst
immer eine Verringerung an  einer  anderen  Universitaet  bedeutet.  Die
Entscheidung ueber die Kontingente ist hiervon unabhaengig und wird  auf
staatlicher  Ebene  vom  Ministerium  fuer  Hoch-   und   Fachschulwesen
gefaellt.

In der Grundstudienrichtung Informatik wird die Ausbildung in  den  vier
Fachrichtungen  Theoretische  Informatik,   Systemsoftware,   Angewandte
Informatik     sowie      Rechnersystemgestaltung      und      -betrieb
durchgefuehrt.  Dabei  gibt  es  eine  Grundlagenausbildung   und   eine
fachrichtungsspezifische Ausbildung.  Die  Grundlagenausbildung  besteht
aus   einem   allgemeinen   Teil,   der   sehr   breit   angelegt    ist
(Marxismus-Leninismus,     Fremdsprachen,      Sport,     Sozialistische
Betriebswirtschaft,   Sozialistisches   Recht,    Arbeitswissenschaften,
Mathematik,  Physikalisch-Elektronische  Grundlagen)   und   aus   einem
informatikspezifischen Teil         (Programmierungstechnik          und
Softwaretechnologie,   Rechnersysteme,   Betriebssysteme,   Datenbanken,
Geheimnisschutz und Datensicherheit). Bei der  fachrichtungsspezifischen
Ausbildung faellt die KI unter den Bereich der theoretischen Informatik.
Gegenstand des Lehrgebietes "Methoden der Kuenstlichen Intelligenz" sind
dort formale Modelle  von  Problemstrukturen,  Suchstrategien  und  ihre
Bewertung sowie Heuristiken und ihr Einfluss auf die  Loesungsqualitaet,
ausserdem    Wissensdarstellung,    Inferenzen,    Wissenserwerb     und
Expertensysteme. Auch im Bereich  Angewandte  Informatik  werden  einige
Aspekte der KI behandelt  (deduktive  Datenbanken,  Wissensverarbeitung,
Expertensysteme). Am Informatik-Zentrum der  TU  Dresden  gibt  es  fuer
Studenten  sogar   die   Moeglichkeit   zu   einer   Sub-Spezialisierung
"Datenbanken  und   Wissensverarbeitung"   innerhalb   der   angewandten
Informatik. --- Beruflichen  Erfahrungen  wird  in  der  DDR  ein  hohes
Gewicht beigemessen.  Daher  gehoert  zum  Informatik-Studium  auch  ein
einsemestriges Berufspraktikum. Das  Studium  dauert  8  (im  Falle  der
Fachrichtung Theoretische Informatik  9)  Semester  und  endet  mit  dem
Abschluss "Hochschulingenieur". Bei entsprechender  Leistung  kann  nach
einem zusaetzlichen Semester  (zur  Anfertigung  der  Diplomarbeit)  der
akademische Grad "Diplomingenieur fuer Informatik" erreicht werden.  Der
Studienablauf war bisher relativ strikt vorgegeben.  In  Zukunft  sollen
den Studenten bei der  fachrichtungsspezifischen  Ausbildung  aber  mehr
Wahlmoeglichkeiten eingeraeumt werden, so dass  sie  dann  auch  der  KI
breiteren Raum widmen koennen.


Dank

Mein  Dank   gebuehrt   vor   allem   dem   Forschungsbereich   KI   der
Martin-Luther-Universitaet Halle-Wittenberg,  der  mich  eingeladen  und
auch die  Kontakte  zu  den  anderen  von  mir  besuchten  Institutionen
vermittelt hat. Darueber hinaus danke ich den gastgebenden Institutionen
fuer die finanzielle Unterstuetzung dieser  Vortragsreise.  Schliesslich
moechte ich allen Kolleginnen und Kollegen in der DDR, die  diese  Reise
bereichert haben, dafuer danken.


Literatur

[1] Alfred Kobsa: KI in der DDR. KI 2 (1988).
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Newsgroups: dnet.mod-ki
Subject: Eindruecke von einer Vortragsreise in die DDR
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Date: 24 Aug 89 09:22:26 GMT
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Distribution: dnet
Organization: Institut fuer Roboterforschung (IRF), Uni Dortmund
Lines: 358
Approved: mod-ki@unido.UUCP (Hans-Werner Hein)
Posted: Thu Aug 24 10:22:26 1989