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Article #548Eindruecke von einer Vortragsreise in die DDR
From: Hans-Werner Hein
Date: Thu, 24 Aug 1989 09:22
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From: sbsvax!grs@fb10vax.sbsvax To: mod-ki@unido.uucp Date: Wed, 23 Aug 89 14:27:01 N Subject: Eindruecke von einer Vortragsreise in die DDR Keywords: Berichte mod-ki message 0283 ************************************************************************ EINDRUECKE VON EINER VORTRAGSREISE IN DIE DDR Gudula Retz-Schmidt SFB 314 Fachbereich 10 - Informatik Universitaet des Saarlandes D - 6600 Saarbruecken 11 e-mail: grs@sbsvax.uucp Im Juni 1989 war ich auf Einladung des Forschungsbereichs Kuenstliche Intelligenz der Martin-Luther-Universitaet Halle-Wittenberg auf einer Vortragsreise in der DDR. Diese Reise fuehrte mich zunaechst nach Berlin --- an die Humboldt-Universitaet zu Berlin und an die Akademie der Wissenschaften der DDR, dann nach Halle --- an die Martin-Luther-Universitaet Halle-Wittenberg, danach an die Karl-Marx-Universitaet Leipzig und schliesslich an die Technische Universitaet Dresden. Damit wandelte ich z.T. auf den Spuren von Alfred Kobsa, der ja bereits in KI 2 (1988) ueber eine aehnliche Reise berichtet hatte [1]. Seither hat sich einiges veraendert und weiterentwickelt (so gilt beispielsweise das Kulturabkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR mittlerweile auch fuer die Informatik). Es gibt eine ganze Reihe neuer Aktivitaeten auf dem Gebiet der KI; und so kann dieser Bericht noch viel weniger den Anspruch darauf erheben, einen vollstaendigen und inhaltlich ausgewogenen Ueberblick ueber die KI in der DDR zu bieten. Es werden nur solche Projekte und Systeme etwas ausfuehrlicher beschrieben, die ich auf meiner Reise kennengelernt habe. An der Humboldt-Universitaet zu Berlin wird in verschiedenen Einrichtungen Informatik --- und im Rahmen davon auch KI --- betrieben, und zwar am Organisations- und Rechenzentrum (ORZ; Direktor: Prof. Jan Grabowski), in der Sektion Wissenschaftstheorie und -organisation (WTO; Direktor: Prof. Thomas Hager) und in der Sektion Mathematik (Direktor: Prof. Hans Schiemangk). Ich war von der Sektion WTO eingeladen und hatte Gelegenheit, mit einigen Mitarbeitern zu sprechen. Dr. Arne Fellien leitet ein Projekt, in dem in Zusammenarbeit mit Behoerden und Industriepartnern ein wissensbasiertes System (CIVITAS, frueher: ISAEXP) fuer die Entwicklung, Pruefung und Ausschoepfung staedtebaulicher Modelle und Theorien entwickelt wurde. Unter dem Anwendungsaspekt soll das System fuer die Entscheidungsunterstuetzung bei staedtebaulichen Massnahmen eingesetzt werden. Unter dem theoretischen Aspekt soll das Projekt Erkenntnisse fuer den Entwurf von Wissenschaftlerarbeitsplaetzen zur Unterstuetzung wissenschaftlicher Theorieentwicklung liefern. In der Arbeitsgruppe Automatisierte Sprachverarbeitung der Sektion WTO beschaeftigen sich Dr. Rolf Steiger und Dr. Susanne Seffner mit der automatisierten Textanalyse und Indexierung von medizinischen Befunden, mit dem Ziel, konventionell geschriebene medizinische Befunde inhaltlich zu erschliessen und auszuwerten. Dafuer wurde das am Zentralinstitut fuer Kybernetik und Informationsprozesse der Akademie der Wissenschaften (s.u.) erstellte System SYSAN weiterentwickelt und fuer die syntaktisch-semantische Analyse der Texte benutzt. Das System erzeugt fuer eine Sachverhaltsaussage eine Indexierungsstruktur, die einem Praedikat mehrere Argumente (in etwa vergleichbar mit Kasusrollen), und sowohl dem Praedikat als auch jedem der Argumente wiederum Attribute zuordnet. In derselben Arbeitsgruppe arbeitet Dr. Hannelore Voelkel an einem merkmalsorientierten semantischen Woerterbuch, das dazu dienen soll, die syntagmatischen und paradigmatischen Bedeutungsbeziehungen darzustellen, die ein Lexem im Kontext eingehen kann. Dieses Woerterbuch soll spaeter einmal in automatischen Uebersetzungssystemen eingesetzt werden koennen. Bisher wurden dabei schwerpunktmaessig Adjektive sowie Verben der Information behandelt. --- Daneben wird die KI an der Sektion WTO auch --- insbesondere unter wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten --- kritisch beleuchtet (Prof. Klaus Fuchs-Kittowski). Fuer die KI relevante Fragestellungen werden an der Humboldt-Universitaet auch an der Sektion Psychologie (Prof. Friedhart Klix, Prof. Bodo Krause: Kognitive Psychologie) behandelt, die ich jedoch nicht besucht habe. An der Akademie der Wissenschaften der DDR gibt es KI-relevante Forschung vor allem im Zentralinstitut fuer Sprachwissenschaft (ZISW; Prof. Juergen Kunze, Prof. Manfred Bierwisch) und im Zentralinstitut fuer Kybernetik und Informationsprozesse (ZKI; Direktor: Prof. Volker Kempe), in letzterem u.a. in den Bereichen KI (Leiter: Dr. Dietrich Koch) und Psychologie (Leiter: Prof. Fritz Wysotzki), die ich beide besuchte. Ein Schwerpunkt im Bereich KI des ZKI ist die Entwicklung von Basis-Software fuer KI-Systeme (Dr. Horst Friedrich, Prof. Ulrich Geske, Dr. Dietrich Koch). Darunter fallen z.B. die Entwicklung von CommonLISP und die Kombination von logischen und funktionalen Programmiersprachen. Daneben wurden mir einige der hier entwickelten KI-Systeme vorgefuehrt: ein System zum heuristischen Lernen der raeumlichen Anordnung von Teilen komplexer Proteinstrukturen (Dr. Jochen Selbig), das gekoppelt ist an eine Proteindatenbank und an ein CAD-System zur Darstellung von Molekuelstrukturen auf dem Bildschirm; ein System (RDS) zur Planung von chemischen Syntheseprozessen (Dr. Weise, Dr. Klaus Biedka), das top-down (Vorgabe eines zu synthetisierenden Stoffes), bottom-up (Vorgabe von Nebenprodukten einer Synthese, die noch verwertet werden sollen) und gemischt vorgehen kann; ein System zur automatischen Programmsynthese (Prof. Reinhard Klette), dem als Wissensbasis eine hierarchische Struktur von Programmteilen und Operationen zugrundeliegt; und ein Bildverarbeitungssystem (Dr. Winter u.a.), das --- ausgehend von der Annahme, dass Strassen sich vor allem durch ihren homogenen Grauwert vom Hintergrund unterscheiden --- unter Benutzung verschiedener Merkmale Strassen aus der Perspektive von darauf befindlichen Fahrzeugen erkennt. Im Bereich Psychologie des ZKI (soll demnaechst ein eigenes Institut werden) werden u.a. Themen wie menschliches Problemloeseverhalten, Lernen von Graphenstrukturen (Prof. Fritz Wysotzki), wechselseitige Anpassung von Wahrnehmung und Verhaltenssteuerung, Programmierbarkeit struktureller Beziehungen in Bewegungsfolgen (Dr. Michael Ziessler), selektive Informationsaufnahme (Dr. Udo Grosser), und Interaktion zwischen globalen und lokalen Interpretationsprozessen bei der Objektwahrnehmung und -klassifikation (Dr. Uwe Kaempf) behandelt. An der Martin-Luther-Universitaet Halle-Wittenberg (MLU) wird KI-Forschung am Organisations- und Rechenzentrum in Halle (ORZ; Direktor: Prof. Johannes Kroetenheerdt) betrieben, und zwar im Forschungsbereich KI (Leiter: Dr. Hartmut Doerner). Dort beschaeftigt man sich mit Wissensrepraesentation sowie ihren philosophischen und mathematischen Aspekten (Dr. Hartmut Doerner), mit unscharfem, unsicherem und unvollstaendigem Wissen (Dr. Christoph Bauer), mit logischer Programmierung (Dr. Juergen Cleve) und mit Datenbanken (Dr. Hans-Hartmut Hoellering). Daneben bildet die Arbeit an Expertensystem-Tools und Expertensystemen einen Schwerpunkt. In dem von der Industrie gefoerderten Projekt EXPSR wird Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Expertensystem-Rahmen betrieben. Dabei geht es in erster Linie um Expertensysteme fuer Konfigurierungsaufgaben. Das System EPEX ist ein Expertensystem-Shell auf der Basis von Prolog (Dr. Juergen Cleve). Als Anwendungsbeispiel wurde u.a. ein Expertensystem fuer Diagnose und Therapievorschlaege im medizinischen Bereich entwickelt. In dem ebenfalls von der Industrie gefoerderten Grundlagenprojekt LCDES (Logical Chemical DESign) wird ein Expertensystem zum Entwurf von chemischen Substanzen mit vom Benutzer vorzugebenden Eigenschaften entwickelt. Das System greift auf in einer Datenbank abgelegtes Wissen ueber die chemischen Eigenschaften von Strukturen und Teilstrukturen zurueck, um (mittels eines Regelwerks, das heuristisches Wissen ueber moegliche Strukturen sowie ueber die Synthetisierbarkeit von Teilstrukturen repraesentiert) die Strukturformel einer Substanz, die die vorgegebenen Eigenschaften besitzt, zu ermitteln. Das Gesamtprojekt umfasst weitere Stufen von logical chemical design; z.B. ist die Kopplung mit dem an der Akademie der Wissenschaften entwickelten System RDS (s.o.) fuer die Planung von Syntheseprozessen vorgesehen. An der Karl-Marx-Universitaet Leipzig (KMU) wird an der Sektion Theoretische und Angewandte Sprachwissenschaft (TAS) in enger Zusammenarbeit mit Informatikern ein Expertensystem fuer die Unterstuetzung bei der Uebersetzung von Fachtexten entwickelt (Prof. Albrecht Neubert). Es verfuegt ueber Weltwissen sowie Wissen ueber Textstrukturen und Formulierungen. Im Gegensatz zu automatischen Uebersetzungssystemen soll das System den Benutzer (d.h. den Fachuebersetzer) nicht in den Bereichen entlasten, in denen er sich gut auskennt (z.B. Grammatik), sondern in den Bereichen, in denen er weniger gut bewandert ist (z.B. Fachterminologie). In der Sektion Informatik, die demnaechst an der Karl-Marx-Universitaet gegruendet wird (Direktor: Prof. Wolfgang Lassner) und an der auch Sprachwissenschaftler beteiligt sein werden, soll ein System entwickelt werden, das ausgehend von einer Wissensbasis ueber ein Fachgebiet automatisch Pruefungsfragen ueber dieses Fachgebiet generiert (Prof. Rudi Conrad, Prof. Bernd Koenitz). In Leipzig gibt es Informatik-Forschung auch an der Technischen Hochschule Leipzig, und zwar an der Sektion Mathematik und Informatik (Direktor: Prof. Hans-Juergen Sebastian). Dabei ist aus dem Bereich der KI vor allem das maschinelle Lernen (Prof. Klaus-Peter Jantke) zu nennen. An der Technischen Universitaet Dresden wird Informatik in den Sektionen Mathematik und Informationstechnik, vor allem aber am Informatik-Zentrum des Hochschulwesens, betrieben. Das Informatik-Zentrum ist 1986 aus der Sektion Informationsverarbeitung der TU Dresden und aus der Ingenieurhochschule Dresden entstanden. Es hat Forschungs-, Ausbildungs- und Dienstleistungsaufgaben und ist mit 390 Mitarbeitern und jaehrlich ueber 300 Studienanfaengern die groesste Einrichtung der DDR in diesem Bereich. KI-Forschung wird betrieben in den Wissenschaftsbereichen Theoretische Informatik (u.a. digitale Bildverarbeitung (Prof. Fuchs), algebraische Software-Spezifikation (Prof. Horst Reichel)) und --- vor allem --- Angewandte Informatik (Leiter: Prof. D. Schubert). Hier gibt es eine KI-Gruppe (Leiter: Dr. Uwe Petersohn), die sich mit der Entwicklung von Basis-Software fuer KI-Anwendungen befasst. Dabei wurden mit den beiden Systemen ETA-P DCP und ETA-L DCP Entwicklungsumgebungen und Toolsysteme zur Projektierung wissensbasierter Anwendungssysteme auf der Basis von Prolog bzw. LISP geschaffen, die auch Komponenten zur Wissensrepraesentation, zur objektorientierten Programmierung, zur Kopplung mit Datenbanken und zu Problemloesungsverfahren enthalten. Die Systeme ETA-P und ETA-L werden bisher eingesetzt zum Aufbau verschiedener Expertensysteme, u.a. in den Bereichen Textiltechnologie, Umweltschutz und Schaltkreisentwurf. Die Entwicklung von ETA-P und ETA-L ist angesiedelt im Hochschul-Industrie-Komplex Kuenstliche Intelligenz, an dem die TU Dresden und der VEB Robotron beteiligt sind. Ebenfalls im Rahmen des Hochschul-Industrie-Komplexes KI gibt es eine Zusammenarbeit zwischen der Sektion Informationstechnik (Prof. W. Tscheschner) und Robotron (Dr. Hermann Helbig) auf dem Gebiet der akustischen Sprachverarbeitung. Dabei soll gesprochene Sprache sowohl analysiert als auch generiert werden. Als Anwendungsbereich wird insbesondere an Kommunikationsmoeglichkeiten fuer Behinderte gedacht. Am VEB Robotron in Dresden gibt es eine KI-Forschungsgruppe, die sich u.a. mit der Verarbeitung natuerlicher Sprache beschaeftigt (Leiter: Dr. Hermann Helbig). Dort ist ein natuerlichsprachliches Interface NLI-AIDOS zu Informations- und Expertensystemen entstanden. Es arbeitet bei der Analyse mit einem wortklassenorientierten Verfahren WCFA (Word-Class Controlled Functional Analysis), das einen Ausdruck in einer semantischen Zwischensprache erzeugt, die unabhaengig von der aktuell verwendeten Datenbasis ist. Daraus wird in einem zweiten Schritt eine Anfrage in der Sprache der Datenbasis erzeugt. Anstelle von natuerlichsprachlichen Anfragen kann der Benutzer jederzeit auch formale Anfragen stellen oder Funktionstasten benutzen. Die Ausgabe erfolgt nicht in natuerlicher Sprache, sondern als Liste von Eintraegen. Als Datenbasis wurde bisher das Literaturrecherchesystem AIDOS verwendet, und zwar mit Literatur ueber KI. Die Anwendung soll aber auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden. In Zusammenhang mit dem natuerlichsprachlichen Interface wurde auch eine Lexikologen-Werkbank entwickelt, die es dem Benutzer erleichtern soll, ins Lexikon syntaktische und semantische Information zu den Datenbasis-Eintraegen einzugeben. Dabei macht das System selbst Vorschlaege (z.B. zur Flexion oder Zugehoerigkeit zu semantischen Klassen), die der Benutzer dann entweder bestaetigen oder abaendern kann. Weitere Forschungsaktivitaeten auf dem Gebiet der KI gibt es an der Sektion Informatik der Technischen Universitaet Karl-Marx-Stadt (u.a. Fuzzy-Logiken (Prof. Ch. Posthoff)), an der Technischen Hochschule Ilmenau (Prozesssteuerung, Informationssysteme, Beratungssysteme im technischen Bereich (Prof. Juergen Wernstedt), neuronale Netze (Prof. Koerner)) und an der Friedrich-Schiller-Universitaet Jena (digitale Bildverarbeitung (Prof. Klaus Voss)). Es gibt in der DDR eine ganze Reihe von Tagungen und Workshops zu KI-Themen. So fand z.B. im Rahmen von ASKI '89 (Arbeitsseminar KI) vom 4. bis 6.4.89 ein Workshop ueber Wissensrepraesentation statt. Im Rahmen der "BIT '89: Computers in Science and Higher Education" vom 19. bis 23.6.89 in Berlin wurden auch ein Workshop "Logische Programmierung" und die Jahrestagung der Fachsektion Kuenstliche Intelligenz der Gesellschaft fuer Informatik der DDR (mit Beitraegen zur Nutzung von Tiefenwissen in Expertensystemen sowie zu neuronalen Netzen und der Connection Machine) abgehalten. Am Interdisziplinaeren Seminar fuer wissenschaftlichen Nachwuchs an der Karl-Marx-Universitaet Leipzig (INTSEM) wurde vom 26. bis 30.6.89 ein interdisziplinaerer Kurs ueber "Algorithmisches Lernen" durchgefuehrt (Prof. Klaus-Peter Jantke). In Berlin wurde vom 10. bis 13.7.89 von der IFIP und von der Humboldt-Universitaet die Tagung "Information Systems, Work and Organization Design" (Chairman: Prof. Klaus Fuchs-Kittowski) veranstaltet, auf der sich Arbeitsgruppen u.a. mit den Themen "Information, Human Activity and Mind" und "Experiences and Impacts of Knowledge-Based Systems for Work and Organization Design" (Chairman: Dr. Arne Fellien) befasst haben. Im Oktober 1989 wird in Reinhardsbrunn/Friedrichroda (Thueringen) der "International Workshop on Analogical and Inductive Inference" von der Technischen Hochschule Leipzig (Prof. Klaus-Peter Jantke) durchgefuehrt. Vom 13. bis 17.11.89 findet ebenfalls im Schloss- und Parkhotel von Reinhardsbrunn die zweite KI-Sommerschule der DDR ( KISS ) statt ( Veranstalter: Martin-Luther-Universitaet Halle-Wittenberg und Gesellschaft fuer Informatik der DDR; Leitung: Dr. Hartmut Doerner). Dort werden Kurse aus dem Bereich Grundlagen von Expertensystemen (Wissensrepraesentation, Inferenz und Technologie) abgehalten. 1990 soll in Berlin ein internationaler Workshop ueber "Theory and Model Based Systems and Reasoning" durchgefuehrt werden (Dr. Arne Fellien). Ausserdem wird ueblicherweise in jaehrlichem Rhythmus die Tagung "Automatische Sprachverarbeitung" (Prof. Juergen Kunze) abgehalten. Die wissenschaftlichen Kontakte von KI-Forschern innerhalb der DDR erstreckten sich bisher vorwiegend auf den Bereich der Informatik. Jetzt entwickelt sich in Leipzig auch eine enge Zusammenarbeit mit Sprachwissenschaftlern ( s.o. ). Aktivitaeten in Richtung Kognitionswissenschaft sind in der DDR jedoch noch kaum vertreten. Ein allgemeiner Eindruck meiner Reise war, dass die KI-Forschung in der DDR viel staerker anwendungsorientiert ist als in der Bundesrepublik. Die Grundlagenorientiertheit unseres Projektes VITRA im Sonderforschungsbereich 314 erregte oft ein gewisses Staunen; und ich wurde haeufig gefragt, fuer welchen Zweck denn unsere Systeme CITYTOUR und SOCCER eingesetzt werden sollen. Zwar gibt es auch in der DDR die Moeglichkeit der Foerderung reiner Grundlagenforschung. Dies geschieht direkt aus dem Staatshaushalt, bei Hochschuleinrichtungen ueber das Ministerium fuer Hoch- und Fachschulwesen (eine der DFG vergleichbare Institution gibt es in der DDR nicht). Die Projekte muessen bestimmte Kriterien (z.B. zu erwartende Qualitaet der Ergebnisse, internationale Relevanz) erfuellen, um gefoerdert zu werden. Insgesamt wird aber angestrebt, dass ca. 50% Forschung von der Industrie finanziert werden, um ein enges Zusammengehen und eine gegenseitige Befruchtung der Industrie und der Forschungseinrichtungen zu bewirken. Auch unter oekonomischen Gesichtspunkten ist es von Bedeutung, dass die Forschung konkret einsetzbare und moeglichst auch verkaufbare Produkte liefert. Darueber hinaus haben viele KI-Forscher in der DDR auch von sich aus ein Interesse, anwendungsorientierte Forschung zu betreiben. Neben immer noch bestehenden Problemen mit der Hardware-Ausstattung und mit der Beschaffung von Literatur aus dem westlichen Ausland gibt es z.T. auch Personalengpaesse bei Informatikern oder Engpaesse bei studentischen Hilfskraeften. Dies liegt u.a. daran, dass Mitarbeiter im allgemeinen nicht von anderen Institutionen abgeworben werden duerfen. Hierzu existieren zwischen einzelnen Einrichtungen oder regional getroffene Vereinbarungen. Weitere Gruende sind die besseren Verdienstmoeglichkeiten in der Industrie und die begrenzte Zahl von Informatikern, die bisher ausgebildet wurde. Eine eigene Informatik-Ausbildung gab es bisher nur an der TU Dresden, an der TU Karl-Marx-Stadt, an der TU Magdeburg und an der Wilhelm-Pieck-Universitaet Rostock. Davon entfiel der Loewenanteil auf Dresden. An der KMU Leipzig wird es ab 1.9.89 eine Sektion Informatik geben, an der Wissenschaftler der Sektionen Mathematik, Theoretische und Angewandte Sprachwissenschaft u.a. beteiligt sein werden. An der MLU Halle, wo am Organisations- und Rechenzentrum im Ausbildungsbereich bisher nur Dienstleistungen fuer Studenten anderer Sektionen zur Verfuegung gestellt wurden, wird 1991 ebenfalls eine Sektion Informatik gegruendet werden. Das hat aber noch nicht notwendigerweise einen Anstieg der Informatikstudentenzahl in der DDR insgesamt zur Folge, denn die Studentenzahl ist im Rahmen der gesamtstaatlichen Planung kontingentiert, so dass ein Anstieg an einer Universitaet zunaechst immer eine Verringerung an einer anderen Universitaet bedeutet. Die Entscheidung ueber die Kontingente ist hiervon unabhaengig und wird auf staatlicher Ebene vom Ministerium fuer Hoch- und Fachschulwesen gefaellt. In der Grundstudienrichtung Informatik wird die Ausbildung in den vier Fachrichtungen Theoretische Informatik, Systemsoftware, Angewandte Informatik sowie Rechnersystemgestaltung und -betrieb durchgefuehrt. Dabei gibt es eine Grundlagenausbildung und eine fachrichtungsspezifische Ausbildung. Die Grundlagenausbildung besteht aus einem allgemeinen Teil, der sehr breit angelegt ist (Marxismus-Leninismus, Fremdsprachen, Sport, Sozialistische Betriebswirtschaft, Sozialistisches Recht, Arbeitswissenschaften, Mathematik, Physikalisch-Elektronische Grundlagen) und aus einem informatikspezifischen Teil (Programmierungstechnik und Softwaretechnologie, Rechnersysteme, Betriebssysteme, Datenbanken, Geheimnisschutz und Datensicherheit). Bei der fachrichtungsspezifischen Ausbildung faellt die KI unter den Bereich der theoretischen Informatik. Gegenstand des Lehrgebietes "Methoden der Kuenstlichen Intelligenz" sind dort formale Modelle von Problemstrukturen, Suchstrategien und ihre Bewertung sowie Heuristiken und ihr Einfluss auf die Loesungsqualitaet, ausserdem Wissensdarstellung, Inferenzen, Wissenserwerb und Expertensysteme. Auch im Bereich Angewandte Informatik werden einige Aspekte der KI behandelt (deduktive Datenbanken, Wissensverarbeitung, Expertensysteme). Am Informatik-Zentrum der TU Dresden gibt es fuer Studenten sogar die Moeglichkeit zu einer Sub-Spezialisierung "Datenbanken und Wissensverarbeitung" innerhalb der angewandten Informatik. --- Beruflichen Erfahrungen wird in der DDR ein hohes Gewicht beigemessen. Daher gehoert zum Informatik-Studium auch ein einsemestriges Berufspraktikum. Das Studium dauert 8 (im Falle der Fachrichtung Theoretische Informatik 9) Semester und endet mit dem Abschluss "Hochschulingenieur". Bei entsprechender Leistung kann nach einem zusaetzlichen Semester (zur Anfertigung der Diplomarbeit) der akademische Grad "Diplomingenieur fuer Informatik" erreicht werden. Der Studienablauf war bisher relativ strikt vorgegeben. In Zukunft sollen den Studenten bei der fachrichtungsspezifischen Ausbildung aber mehr Wahlmoeglichkeiten eingeraeumt werden, so dass sie dann auch der KI breiteren Raum widmen koennen. Dank Mein Dank gebuehrt vor allem dem Forschungsbereich KI der Martin-Luther-Universitaet Halle-Wittenberg, der mich eingeladen und auch die Kontakte zu den anderen von mir besuchten Institutionen vermittelt hat. Darueber hinaus danke ich den gastgebenden Institutionen fuer die finanzielle Unterstuetzung dieser Vortragsreise. Schliesslich moechte ich allen Kolleginnen und Kollegen in der DDR, die diese Reise bereichert haben, dafuer danken. Literatur [1] Alfred Kobsa: KI in der DDR. KI 2 (1988). ************************************************************************
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