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Started by Joerg Anslik
Tue, 31 Dec 1991 05:22
Das Verhalten mitteleuropischer Anwender
Author: Joerg Anslik
Date: Tue, 31 Dec 1991 05:22
Date: Tue, 31 Dec 1991 05:22
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File: Anwender.txt, Copyright (C) 1991 by Jvrg Anslik.
Path: HirnDisk1:TEXT/Texte/
DEO : 07-NOV-91, 03:47:11
Aut : Jvrg Anslik
WWTM: MARS_247
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===== Der Anwender - Ein Dokumentarbericht =====
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Wie jedes Jahr, wenn die kalte Jahreszeit Einzug hdlt, so beobachten wir auch
heuer wieder eine gesteigerte Aktivitdt der mdnnlichen Vertreter von mitteleu-
ropdischen Anwendersippen bei der Balz um das zu begattende Datenbanksystem.
Vielfdltig und wunderbar ist das erste zarte Werben um den Zielcomputer, mit
dessen Hilfe der Fortbestand der sippeneigenen Datenbestdnde gesichert werden
soll. Sind die sozialen Bindungen vor und nach der Brunftzeit eher spdrlich -
der Anwender ist fast ausnahmslos Einzelgdnger - so erlebt der aufmerksame
Beobachter wdhrend der Brunftzeit des Anwenders die Wandlung vom autonomen In-
dividuum zum Mitglied einer Gemeinschaft, deren gesellschaftliche Strukturen
denen einer modernen Demokratie nahe kommen.
Wie auf ein verabredetes Zeichen hin treffen sich die Anwender in verschieden-
en Bereichen eines Datenbanksystems, um dort gemeinsam zu jagen und Hochzeit
zu halten. Von ihnen als Feinde erkannte Daten und deren Verursacher werden
vom Rudel sofort angegriffen, wobei zur Verwirrung des Angreifers Texte unter-
schiedlicher Ldnge ausgesto_en werden. Dieses Zusammenrotten der stdrksten
Rudelmitglieder zeigt Wirkung: viele Angreifer ziehen sich augenblicklich zu-
r|ck und werden auch noch nach dem Verschwinden durch Textmarkierungen von
weiteren \bergriffen auf das Datenrevier abgeschreckt.
Nat|rlich kommt es dann und wann auch zu Aggressionen gegen Angehvrige des ei-
genen Rudels; vornehmlich dann, wenn ein bis dato recht stiller Vertreter ver-
sucht, die F|hrung zu |bernehmen. Einem Systemoperator aus Kvln gelangen vor
kurzem einmalige Mitschnitte eines solchen Wortgefechtes beim Kampf um die Po-
sition des sogenannten "Alpha-Anwenders", so da_ heute detaillierte Studien
|ber den bis dahin noch nie zuvor dokumentierten Vorgang vorliegen.
Solche Machtkdmpfe finden in daf|r eigens eingerichteten Pldtzen des Wirts-
systems statt und bewegen sich bisweilen auf hohem literarischen Niveau, wo-
bei jedoch auffdllt, da_ der Status des Alpha-Anwenders nur selten an den An-
greifer |bergeht. Dieser hat nach einem solchen, zumeist recht heftigen, Kampf
schwere Datenverluste davongetragen und zieht sich im Anschlu_ daran in sein
privates Postfach zur|ck, um die geschddigten Partitionen neu zu formatieren.
Es kommt du_erst selten vor, da_ der Angreifer aus dem System gelvscht wird,
doch berichteten mehrere Experten unabhdngig voneinander von dem sogenannten
"Relogin"-Verhalten.
Bei dieser Taktik versucht der Unterlegene, unter einem anderen Namen weiter-
hin das System benutzen zu kvnnen, ohne jedoch die Schande der Niederlage per-
manent vor Augen gef|hrt zu bekommen. In England wurde ein Fall exzessiven Re-
logins bekannt, bei dem der betroffene Anwender sich schlie_lich selbst Texte
schrieb, ohne dieses jedoch zu bemerken. Die Inhalte jener Publikationen wur-
den immer polemischer; schlie_lich lvschte der Anwender sich selbst.
Der typische Anwender Mitteleuropas ld_t sich schwer charakterisieren, da sich
ein jeder Vertreter dieser Gattung die meiste Zeit mit sich selbst beschdftigt
und somit seine Persvnlichkeitsformung auch selbst vornimmt. Die am meisten
verbreitete Eigenschaft ist das stille Aufnehmen von Daten jedweder Art ohne
Steigerung der eigenen Produktivitdt. Dieses parasitdr-unsoziale Verhalten
kann systembezogen durch die Formel "LESEN *" beschrieben werden; man spricht
hier auch vom "Saugverhalten" des Anwenders. Diese Naturkonstante erreicht bei
einigen Anwendern ndherungsweise Unendlich. Dennoch werden diese Vertreter, im
Gegensatz zu anderen Arten, nicht von der Gemeinschaft versto_en, sondern
bilden vielmehr eine nicht zu unterschdtzende Sdule des Zusammenlebens, in dem
einige von ihnen wichtige Daten zur Eroberung von Fremdsystemen einsetzen.
Einige wenige Anwender haben sich im Laufe der Evolution zu Datenproduzenten
entwickelt, die in breitgefdcherter Art diese unter den restlichen Sippenange-
hvrigen verteilen. Die Quantitdt solcher Datenpakete reicht von einigen weni-
gen Bytes, die zumeist direkt gefressen werden, bis hin zu kompletten Artikeln
vom Umfang eines Taschenbuches, welche zumeist von den anderen zwischenge-
speichert und im Fall von Datenarmut, zumeist in der kalten Jahreszeit, ver-
zehrt werden. Die Qualitdt eines solchen Datenpaketes entscheidet dar|ber, ob
sie permanent auf Datentrdger mit sich gef|hrt werden oder ob sie nach dem Ge-
nu_ den Weg alles Irdischen gehen.
Bevor der Anwender sich einem Datenbanksystem anschlie_t, erfolgt bisweilen
eine ldngere Phase der Beobachtung dieses Systems unter den Gesichtspunkten
Nahrungsangebot, Reviergrv_e, sowie dem mvglichen Befehlsvorrat. Sagen ihm die
Gegebenheiten zu, erfolgt eine erste Kontaktaufnahme mit dem Systemoperator,
welcher in seiner Funktion der eines Forstbeamten entspricht. Er hat die Auf-
gabe, das Revier von verendeten Nachrichten zu sdubern, sowie die in andere
Systeme abgewanderten Anwender aus dem Revierzustandsbericht zu entfernen.
Gestattet der Operator dem Neuling den Zutritt, so steht dieser zundchst ganz
unten in der Anwenderhierarchie, kann sich jedoch durch fundierte Du_erungen,
vornehmlich zu schwierigen Problemen, stetig hocharbeiten, wobei es jedoch mit
hvheren Angehvrigen zwangsldufig zu Konflikten kommt, welche dann in der be-
reits dargestellten Form ausgetragen werden. Zumeist jedoch bem|hen sich Neu-
linge, aber auch dltere Anwender, ihr Saugverhalten zu steigern, sofern das
Niveau des Wirtssystems dies f|r erforderlich erscheinen ld_t. Durch dieses
angeborene Verhalten des Anwenders wird der Datenkollaps des Systems auf na-
t|rliche Weise verhindert; ein sprunghafets Ansteigen des Datenbestandes w|rde
das System trdge und somit uninteressant machen. Dieses Phdnomen ist vornehm-
lich bei Systemen zu beobachten, die mit anderen Systemen eine Datensymbiose
eingegangen sind: durch die tagtdgliche Flut neuer Daten f|hlt sich der Anwen-
der |berfordert, diese intellektuell verarbeiten zu kvnnen. Die Folge sind ab-
nehmende Lese- und Schreibtdtigkeit, Desinteresse an Neueintrdgen und eine ex-
trem kurze Systemverweilzeit. Schlie_lich stirbt in vielen Fdllen der Anwender
den Datentod; gerade trdge Anwender mit einer Aufnahmegeschwindigkeit kleiner
als 240 Zeichen pro Sekunde sind hiervon betroffen.
Ein weiteres Phdnomen ist in diversen Vervffentlichungen eingehend dokumen-
tiert worden: der sogenannte "Jojo-Effekt". Es handelt sich hierbei um die
bislang ungekldrte Eigenschaft mancher Anwender, innerhalb k|rzester Zeit eine
unglaubliche Menge an neuen Daten zu produzieren und dann wieder f|r ldngere
Zeit komplett zu schweigen oder den Saugfaktor zu erhvhen. In einem Kvlner Da-
tenbanksystem lieferte ein derartiger Fall, unter dem Namen "Ceee-Effekt" be-
kanntgeworden, gen|gend Material f|r eingehende Forschungen. Erkldrungen konn-
ten jedoch noch nicht geliefert werden, da die Analysen hier noch am Anfang
stehen. Auch sind die Forscher in verschiedene Lager gespalten: manche begr|n-
den den "Jojo-Effekt" mit der Notwendigkeit, nach exzessiver Datenproduktion
eine Phase mentaler Regeneration einlegen zu m|ssen; andere hingegen stehen
auf dem Standpunkt, da_ es sich hierbei schlicht um Faulheit handelt. Man wird
abwarten m|ssen, was die zuk|nftigen Forschungen ergeben.
Das du_ere Erscheinungsbild des Anwenders ist wenig spektakuldr; lediglich die
Datenproduzenten des Rudels erscheinen dem Betrachter mit ihrer blassen, fast
durchsichtigen Haut und den zur|ckgebildeten Sehorganen - beides Nebenerschei-
nungen des permanenten Mangels an Tageslicht - ein wenig au_ergewvhnlich. In
extremen Fdllen f|hrt eine plvtzliche Prdsenz von Tageslicht und frischer Luft
zum Tode des Anwenders; zumindest ruft sie ein starkes Unwohlsein hervor.
Im Laufe der Entwicklung pa_te sich der Anwender seiner Umgebung in einer per-
fekten Art und Weise an. Nicht benvtigte Gliedmassen, wie F|_e und Beine, bil-
deten sich zur|ck, ebenso - bis auf wenige Ausnahmen - die gesamte Muskulatur.
Dieses gleicht sich durch eine extreme Beweglichkeit der Finger aus, mit der
das angeborene Tastaturorgan in manchen Fdllen mit unglaublicher Virtuositdt
bedient wird; dieses Organ dient vornehmlich der Datenproduktion. Bei der Auf-
nahme der Nahrung stellt man weiterhin verk|mmerte Kau- und eine gesteigerte
Schlingfunktion fest. Der Speiseplan des Anwenders ist wenig abwechslungsreich
im Hinblick auf ausgewogene Erndhrung: er beinhaltet zumeist nur wenige Kompo-
nenten, wie Kaffee, Pizza und Hamburger. Nach der Aufnahme der Nahrung erfolgt
bisweilen eine rituelle Tabaksverbrennung, wobei jedoch bei einigen Vertretern
diese Tradition exzessiv zu jeder Gelegenheit zelebriert wird.
Verstdndlich macht sich der Anwender durch einen eigent|mlichen Gebrauch von
sogenannten "Hochsprachen", wobei regional eingefdrbte Dialekte das Verstdnd-
nis einzelner befreundeter Sippen untereinander bisweilen erschweren. Die am
hdufigsten verwendeten Sprachen sind "C", "PASCAL", "MODULA II" und eine Ur-
sprache namens "ASSEMBLER", welche noch aus den Anfdngen des digitalen Zeit-
alters stammt. Obwohl fast alle diese Sprachen einen geringen Wortschatz auf-
weisen, sind die Mvglichkeiten der Kommunikation erstaunlich, wenn auch bis-
weilen recht m|hselig, da starre grammatikalische und syntaktische Reglen be-
achten werden m|ssen, was das Erlernen recht schwierig machen kann. Der Ein-
satz von sprachspezifischen Sonderzeichen ist ein weiteres Hindernis. Sollten
Sie einmal in die Verlegenheit kommen, einen "C-Anwender" kennenzulernen, so
kvnnen Sie durch die Du_erung
main()
{
printf("Hallo!");
}
erste Hemmschwellen abbauen. Doch Vorsicht - sobald der Anwender merkt, da_
Sie seine Sprache beherrschen, m|ssen Sie mit einem exzessiven Datentransfer
rechnen, der u.U. auch rein unidirektional gerichtet sein kann. Sollte im Ver-
lauf eines solchen Transfers Ihr Kurzzeitgeddchtnis |berlaufen, so kvnnen Sie
den Anwender durch Zuruf von "CONTROL ES" veranlassen, mit seinen Ausf|hrungen
zu pausieren; der Befehl "CONTROL KUH" startet den Datenflu_ dann wieder. Wenn
das behandelte Thema Ihr Interesse nicht wecken kann, so rufen sie dem Anwen-
der "CONTROL IKS" zu; er wird sich dann ein neues Thema ausdenken. Beendet
wird die Kommunikation durch Zuruf von "LOG OFF", wobei der Anwender Sie dann
fragt, ob das Gesprdch tatsdchlich beendet werden soll. Antworten Sie mit Ja,
dann teilt Ihnen der Anwender in den meisten Fdllen noch die Dauer des Ge-
sprdches sowie die Anzahl |bermittelter Zeichen mit.
Soweit also unser Ausflug in die Welt des Anwenders, der eventuell offene Fra-
gen gekldrt hat. In der Hoffnung, Sie nicht allzu sehr gelangweilt zu haben,
verbleibe ich bis zum ndchsten Male
Prof. Dr. Magic Ceee
Hirnanalytiker und Commodore-Werksphilosoph
_
_ // Barbarus hic ego sum quia non intellegor ulli.
\X/ Anyway, life's a Bratwurst.
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