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1 total messages Started by Guido Gabriel Wed, 10 Jan 1996 00:00
ai/Journal: CHINA 14 Jahre Haft fuer Wei Jingsheng
#37
Author: Guido Gabriel
Date: Wed, 10 Jan 1996 00:00
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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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01/96 - china.doc



CHINA

14 Jahre Haft f�r Wei

Wei Jingsheng, der wohl prominenteste Dissident Chinas, mu� f�r 14 Jahre  
ins Gef�ngnis. Was die Machthaber als "umst�rzlerische Aktivit�ten"  
bewertete, war nichts anderes als die friedliche Wahrnehmung seines Rechts  
auf freie Meinungs�u�erung.



Etwa 100 Polizisten schirmten den Zugang zum Mittleren Volksgerichtshof im  
Westen Pekings ab. Der kurze Proze� gegen Wei Jingsheng - das Urteil wurde  
nach nur vierst�ndiger Verhandlung gef�llt - fand unter weitgehendem  
Ausschlu� der �ffentlichkeit statt. Ausl�ndische Journalisten und  
Diplomaten waren vor Gericht nicht zugelassen, nur einige handverlesene  
B�rger und Berichterstatter waren anwesend. Unfaire politische Prozesse  
wie der gegen Wei Jingsheng sind eine Farce. Das Urteil d�rfte schon lange  
vor der Verhandlung festgestanden haben.

Der heute 45j�hrige Wei Jingsheng, der in seiner Jugend als Sohn eines KP- 
Kaders noch begeisterter Maoist war, gilt als "Vater" der chinesischen  
Demokratiebewegung. Ende der siebziger Jahre verfa�te er Wandzeitungen,  
die an der "Mauer der Demokratie" in Peking aufgeh�ngt wurden. In ihr  
setzte er sich f�r Demokratie und eine Wahrung der b�rgerlichen und  
politischen Rechte ein. 1979 wurde er festgenommen und wegen  
"konterrevolution�rer Aktivit�ten" zu einer 15j�hrigen Freiheitsstrafe  
verurteilt. Wenige Monate vor Ende seiner Haftzeit - er hatte die meisten  
Jahre in einer Einzelzelle verbringen m�ssen - entlie�en ihn die Beh�rden  
im September 1993 auf Bew�hrung. Beobachter vermuteten damals, da� seine  
Freilassung mit der - letztlich erfolglosen - Bewerbung Pekings um die  
Olympischen Sommerspiele im Jahre 2000 zusammenhing. Bei seiner  
Freilassung pr�sentierte man Wei ein ver�ndertes China. Um Wei vom  
Fortschritt zu �berzeugen, schickte man ihn auf eine Besichtigungstour in  
die Wirtschafts-Sonderzonen. Doch Glanz und Hochh�user m�gen Wei imponiert  
haben, seine politischen Ideen haben sie genauso wenig �ndern k�nnen wie  
es das Gef�ngnis vermochte.

Denn unbeirrt hat Wei Jingsheng seine Aktivit�ten f�r Menschenrechte und  
Demokratie fortgesetzt. In einer kleinen Wohnung in einem grauen Pekinger  
Wohnblock empfing er Besucher, die ihn nicht als verbittert, sondern als  
"fast heiter" schilderten. Sowohl in der �ffentlichkeit als auch in  
ausl�ndischen Medien setzte er sich f�r einen politischen Wandel ein. So  
schrieb er in einer Hongkonger Zeitung: "Wenn Investoren nicht in die  
rationellen Kr�fte der demokratischen Reform investieren, sondern Chinas  
Schicksal statt dessen den H�nden reaktion�rer Autokraten �berlassen, so  
schadet dies nicht allein den Interessen des chinesischen Volkes."  
Insbesondere von den USA forderte er immer wieder, wegen der  
Menschenrechtssituation in China mehr Druck auszu�ben.

Am 1. April 1994 wurde Wei Jingsheng erneut von der Polizei festgenommen.  
19 Monate lang galt er als "verschwunden", bis am 21. November 1995 die  
amtliche Nachrichtenagentur "Xinhua" meldete, da� Wei festgenommen sei und  
angeklagt werde, weil er mit seinen Aktivit�ten versucht habe, "die  
Regierung zu st�rzen". Am 8. Dezember informierten die Beh�rden die  
Familie des Inhaftierten, da� der Proze� am 13. Dezember stattfinden  
w�rde.

Wenn das Urteil gegen Wei Jingsheng best�tigt wird, d�rften die sieben  
Monate in Freiheit zwischen September 1993 und April 1994 die letzten f�r  
ihn zwischen 1979 und dem Jahr 2008 gewesen sein. amnesty international  
fordert die umgehende und sofortige Freilassung des Dissidenten. Auch aus  
diplomatischen Kreisen verschiedener westlicher L�nder wurde der  
Urteilsspruch heftig kritisiert. Wei Jingsheng galt 1995 als einer der  
aussichtsreichsten Kandidaten f�r den Friedensnobelpreis.

Harald Gesterkamp





BUCHTIP

Texte von Wei

In einem unter anderem von seiner in Hamburg lebenden Schwester Shan Shan  
Wei-Blank herausgegebenen Buch sind die wichtigsten politischen Texte von  
Wei Jingsheng aus den Jahren 1978 bis 1994 gesammelt. Gut l��t sich an den  
Beitr�gen, Kommentaren, Polemiken und Offenen Briefen nachvollziehen, da�  
14 Jahre Gef�ngnis Wei nicht haben brechen k�nnen. Genauso vehement wie  
vor seiner Inhaftierung 1979 forderte er auch in den Monaten nach seiner  
Freilassung neben wirtschaftlichen auch politische Reformen f�r sein Land.  
Dabei nahm er kein Blatt vor den Mund: "Die gegenw�rtigen Machthaber  
machten gro�e Versprechungen, bevor sie an die Macht kamen, und  
propagierten lautstark, sie unterst�tzten Menschenrechte und Demokratie.  
Ihre nachfolgende Diktatur machte jedoch klar, da� sie mitnichten die  
Absicht hatten, die Versprechungen einzul�sen, die sie den Massen gegeben  
hatten", schrieb er im November 1993. Solche Einsch�tzungen brachten ihn  
wenig sp�ter wieder ins Gef�ngnis.

Erg�nzt werden die Texte Weis durch Beitr�ge von Liu Qing, Thomas  
Weyrauch, Helmut Martin, Michael Blank und Jochen Schildt, die das  
Lebenswerk Wei Jingshengs w�rdigen und Menschenrechtsverletzungen in China  
beschreiben. In einem Anhang werden Appelle und Proteste zugunsten von Wei  
dokumentiert.

hg

Wei Jingsheng: Mein Leben f�r die Demokratie, rororo aktuell 13941,  
Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek 1995, 174 Seiten.







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Aus: ai-Journal Januar 1996
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
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