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Article #56

Re: jw: "Am Ende gnadenlos niedergestreckt"

#56
From: Dirk Weber
Date: Tue, 05 Oct 1999 00:00
187 lines
8488 bytes
Dirk Weber
lisa@online.de
05.10.1999

On 3 Oct 99 00:00:00 GMT, i_k@koma.free.de (Haki) wrote:

> Hallo,
>

>Es ist schon mal vorgekommen, dass RAF-Mitglieder in Kontakt mit  
>Staatsmacht umgekommen sind, sowohl bei Festnahmen als auch nach der  
>Festnahme. So ist es nicht �berraschend, wenn man das Risiko abw�gt, und  
>beschliesst, selber zu entscheiden, wann man get�tet werden k�nnte.
Merkwuerdige Einstellung. Es soll ja schon mal vorgekommen sein, dass
unbeteiligte menschen von Polizisten durch die geschlossene Tuer
hindurch erschossen wurden (leider kein Witz). Also sollte ich,
unschuldig wie ich bin, wenn jemand an meine Tuer klopft, am besten
zur Uzi greifen und drauf los ballern, damit ich selber entscheiden
kann... (sonSch**)



>>Es soll schon vorgekommen sein, dass Revolutionaere einfach so im Bett
>>gestorben sind. Wie also stirbt es sich als Revolutionaer?
>
>Revolution�re sterben so wie andere Menschen.
Gut, dass das so ist. Was aber besagt dann die Unterzeile aus dem
Ursprungsposting (ich zitiere):"Zumindest gestorben ist Horst Ludwig
Meyer wie ein Revolution�r" ??

Also ist der Knabe so wie andere auch gestorben, oder was? Es ist in
Mitteleuropa nicht normal, dass Menschen auf der Strasse sterben, weil
sie sich schiessenderweise mit Polizisten angelegt haben.

Mir scheint, hier wurde nicht besonders gut argumentiert, vielmehr
eher auf eine Art pseudo-revolutionaeren Kitsch abgehoben.


>Das haben die K-Gruppen schon damals gesagt, wo die meisten Mitglieder  
>solche Gruppen im Moment sind, sollte bekannt sein. 
1. Ich nix K-Gruppe ;-) (Sollte das mit den K-Gruppen etwa als
Totschlagarguent dienen, so nach dem Motto: Wenn die das so sehen,
dann kann/darf man nicht so denken")? Aber das waere nicht besonders
nett, oder?


2. Ja wo sind sie denn jetzt im Moment? In den revoluzzionaeren
Ruhestand getreten? Vielleicht mit Mao-Poster in der Kueche, noch
irgendwo eine alte Albanien-Landkarte rumhaengen?

>Da sind mir Leute, die  
>bereits sind zu k�mpfen lieber, auch wenn ihre politische Einsch�tzung  
>nicht vollst�ndig teile.
Dazu ist hier im thread schon besseres gesagt worden, als mir so in
die Tasten quillt. 

Nur eines: Kaempfen ist weitaus mehr als mit der Knarre rumzuballern
oder Mollis zu werfen. Und sei der Sprengstoff noch so brisant,
Bombenschmeissen diente und dient im Kontext der BRD nicht dem Kampf
um gesellschaftlichen Fortschritt (inklusive revolutionaerer
Bestrebungen).

Ach ja, Kampf um des Kampfes willen: Das erinnert mich doch sehr an
den Ausspruch (na von wem wohl?) "Die bewegung ist alles, das Ziel ist
nichts" (keine Gewaehr fuer genauen Wortlaut)

>>Ich bin Jahrgang 1953, habe diesen Haufen mitbekommen und neige  
>>eigentlich dieser Auffassung zu. Aber wer sowas nicht beweisen kann,  
>>sollte natuerlich zurueckhaltend sein.
>
>Was heisst "mitbekommen"?

Soll heissen, sozusagen als politisch interessierter und auch aktiver
Zeitzeuge (ja ja, man wird so allmaehlich alt). Die RAF ist mir schon
damals ziemlich auf den Zeiger gegangen. Sowas von moralisierender
Ueberheblichkeit gegenueber jedermann, der nicht ihre Analysen und
Schlussfolgerungen bedingungslos gut hiess, unglaublich.

>
>Das ist keine Besonderheit der RAF, sondern ein relativ verbreitetes  
>Merkmal von leninistischen, stalinistischen und maoistischen Gruppen.

Sowas nennt man sektiererisch, soll vorkommen. 

(Mir scheint, Du weisst immer noch nicht, in welche Schublade Du mich
einordnen sollst ;-)


>Die Idee von revolution�rer Avantgarde beinhaltete schon, dass die  
>proletarischen Massen erst zur Revolution bewegt sollten.
>Eine Einsch�tzung, die ich nicht teile.

Oh, das ist ein ganz schweres Kapitel. Ich glaube schon, dass man auch
die Massen von etwas ueberzeugen sollte, das man fuer richtig haelt.
Man darf aber natuerlich auch auf keinen Fall die Auffassung
vertreten, dass man die alleinseligmachende Wahrheit vertrete, neben
der niemand irgendeine andere Wahrheit haben duerfe.

Aber: Wenn ich die Auffassung vertrete, dass das Proletariat objektiv
(!) zur Revolution berufen sei, dann muss ich doch alles daran setzen,
dass diese proletarischen Massen das auch subjektiv erkennen. Die
objektive Klassenlage eines Menschen oder auch einer Klasse bedeutet
ja noch lange nicht, dass dies auch subjektiv so gesehen bzw.
akzeptiert wird. Es soll ja sogar Mitglieder der Bourgoisie gegeben
haben, welche sich der revolutionaeren Sache des Proletariats
verschrieben haben, mit allen Konsequenzen.


>>Das Ergebnis diverser Jahre RAF-Aktivitaeten und Aktivitaeten ihrer
>>Nachahmer: Verschaerfungen der Strafprozess-Ordnung, Einfuehrung der
>>Isolationshaft, verschaerftes politisches Strafrecht, lanandauernde
>>politische Hysterie in der BRD. Na toll.
>
>Das ist die falsche, bzw. reformistische, Argumentation. 
"Setzen, fuenf"
>Der Staat hat  
>diese Moment der Spannung benutzt, um seine Grundlagen zu festigen. 
Und gerade die RAF hat hier mit Macht den dringend benoetigten Vorwand
geliefert. Die RAF war ja nie und zu keinem Zeitpunkt eine ernsthafte
Bedrohung fuer den Bestand der BRD. Was nicht im Widerspruch zu den
unschuldigen Opfern der RAF steht. (Der Fahrer von Schleyer war kein
Bourgois, kein Angehoeriger der herrschenden Klasse, kein Imperialist
- er war schlicht und ergreifend ein unschuldiges Opfer).



>Aber  
>das h�tte auch getan, wenn sich die proletarischen Massen erhoben h�tten.
Dann aber waere das sehr viel schwieriger gewesen. Da hat schon
mancher Diktator gestaunt, was dann auf einmal nicht mehr moeglich
war.



>>Ich bleibe jedenfalls dabei: Diese Leute haben keine Solidaritaet der
>>Linken verdient, sie haben den fortschrittlichen Kraeften in diesem
>>unseren Vaterlande durchaus Schaden zugefuegt.
>
>Mit Leuten, die sich auf "diesem unseren Vaterlande" beziehen, gibt es f�r  
>mich keine sehr gute Diskussionsgrundlage, d.h. wer solch ein  
>nationalistischen Quatsch verzapft, sollte nix von Revolution und  
>proletarischen Massen schreiben.

Na na na. Kurzzeitgedaechtnis defekt? <Erinner> Kohl, der gute
Uebervater dieses unseres Vaterlandes </Erinner> War wohl nix.

Das mit dem Vaterland ist so eine Sache. "Unser Vaterland ist
international", ok, stimme ich sofort zu. 

Aber ich habe eine Heimat, bin irgendwo aufgewachsen, habe Freunde
(und Feinde) dort, definiere mich unter anderem auch darueber (wenn Du
mich hoeren koenntest, wuerdest Du sofort den starken verdacht
bekommen, ich sei Rheinlaender, auch wenn ich in
Stadthagen/Niedersachsen lebe).

Ich gebe zu, auch wenn ich von meinen Vorfahren her eine gesunde
mitteleuropaeische Mischung bin (von Polen bis Luxemburg alles drin),
ich bin tatsaechlich Deutscher. Ja und? Ist doch nichts besonderes.
Ich waere allerdings froh, wenn es nicht so verdammt schwer waere,
Deutscher zu werden, wenn die Eltern den falschen Pass haben - aber
das ist ein anderes Thema.

>Haki
>
>ablehnung.widerstand.kampf : f�r eine revolution�re perspektive
Tja, aber welche? Das Leben ist immer konkret. 

Also: Was solls denn sein? Modell DDR - wohl kaum, hatte einige
gravierende Maengel.

Modell RAF? Die wussten ja nicht, was sie wollten, ausser den
imperialistischen Staat stuer/tzen (oder so).

Achtzig Jahr nach der Oktoberrevolution reicht die Forderung nach der
revolutionaeren Perspektive alleine eben nicht mehr aus. Allerdings -
zugegeben: Da bin ich seit ca. zehn Jahren jetzt auch immer noch
ratlos. 

Love, peace and happiness
(wird ja wohl noch erlaubt sein, ist wenigstens ein klein bischen
revol.)

Dirk Weber
--
lisa@para-disc.de (Dirk Weber)
Sylke Weber-Gorny, Lern- und Edutainment-Software
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Date: 1999/10/05
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