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Article #12

Re: DTP-Fuehrerschein (war: Text versus DTP)

#12
From: Lutz Birkhahn
Date: Wed, 28 Oct 1992 22:31
97 lines
5839 bytes
harm@quest.sub.org (Harm Luebben) writes:

> >* In TeX ist erheblicher Teil des Experten-Wissens der Buchdrucker
> >  und Schriftsetzer kondensiert.  Leider haben die Programmierer der 
> >  meisten DTP-Programme und die Designer der Sprache PostScript die
> >  Chance versaeumt, von diesem seit den 70ger Jahren frei verfuegbaren
> >  Erkenntnissen Gebrauch zu machen.
> 
> Hmm, gib mal Details preis.
> Meiner Erfahrung nach bin ich bei einer Makrosprache wie TeX auf das 
> Aesthetikempfinden des Entwicklers mehr angewiesen, als wenn ich 
> WYSIWYG die Ergebnisse kontrollieren kann.

Du solltest vielleicht besser zwischen Plain-TeX und (z.B.) LaTeX unter-
scheiden. Man kann jeden Computer mies machen, wenn man ihn daran misst,
was die Programmierer in Assembler-Sprache normalerweise darauf zustande
bringen. Der Clou ist aber, dass es auch Hochsprachen gibt, die eine
"state of the art"-Programmierung erleichtern (wohlgemerkt, nicht erzwin-
gen).

Sinn und Zweck von LaTeX ist nicht die Makroerstellung, sondern das
logische Auszeichnen von Dokumenten. D.h. im Idealfall hat der Benutzer
mit Makro- oder anderer Programmierung gar nichts zu tun, er schreibt
nur hin, *was* er will (z.B. ein neues Kapitel anfangen). Der Rest, also
die eigentliche Bestimmung des Layouts ist Sache der Styles. Ich stimme
mit Dir ueberein, dass die Standard-Styles von LaTeX fuer den europaeischen
Geschmack nicht der Weisheit letzter Schluss sind, aber bei LaTeX hast Du
eben den Vorteil, dass Du mit einer einzigen Aenderung im Dokument (naemlich
der Angabe des \documentstyle) das ganze Layout verbessern kannst. Natuer-
lich braucht es dazu erstmal guter Styles, aber wenn man einmal (z.B. in
einem Verlag von einem professionellen Designer) einen solchen Style entwik-
kelt hat, werden alle Texte entsprechend gut formatiert, ohne dass der
einzelne Schreiber dazu was tun muesste.

Bei DTP hast Du fast *immer* das Problem, dass der Autor auch das Layout
bestimmt, und nachdem die meisten Autoren von Layout keine Ahnung haben,
sehen die Ergebnisse entsprechend aus. In 90% der Faelle saehen die Doku-
mente besser aus, wenn sie wenigstens mit den Standard-LaTeX-Styles gesetzt
worden waeren.

Ich denke, SGML (Standard Generalized Markup Language) geht genau in die
richtige Richtung, naemlich die Aufgaben von Autor und Layout-Designer
strikt zu trennen und dem jeweiligen Fachmann zu ueberlassen. LaTeX ist
praktisch die Vorstufe zu SGML, und es wird nicht mehr allzu lange dauern,
bis SGML-Frontends zusammen mit einem TeX-Backend von jedermann einsetzbar
sind und entsprechend hochwertige Dokumente zu erzeugen in der Lage sind.

> Ich erstelle selber Software-Dokumentation mittels DTP mit mittelmaessiger
> Layoutqualitaet, da hier halbwegs akzeptables Schriftbild mit relativ geringem 
> Setzaufwand erstellt werden kann.

Aha!

> Der Art-Director wird nicht fuers systematische Denken bezahlt sondern
> fuer die Erfindung von Layouts die positiv praegend auf das 
> Aesthetikempfinden des Betrachters wirken. ("Das tolle Layout von der SPEX",
> "Mach das doch so wie im New Yorker")

Sicherlich ist der Satz von Akzidenzien (Drucksachen, Werbung) etwas voellig
anderes als der Werksatz (Buecher, wissenschaftliche Arbeiten). Fuer die
Werbung ist TeX sicherlich nicht geschaffen, und wohl auch nicht sehr gut
geeignet. Aus dem hervorragenden Buechlein von Jan Tschichold, "Ausgewaehlte
Aufsaetze ueber Fragen der Gestalt des Buches und der Typographie":

   Die Arbeit des Buchkuenstlers unterscheidet sich wesentlich von der
   eines Graphikers. Waehrend dieser bestaendig auf der Suche nach neuen
   Ausdrucksmitteln ist, wozu ihn mindestens das Verlangen nach <persoen-
   lichem Stil> draengt, muss der Buchentwerfer der getreue und taktvolle
   Diener des geschriebenen Wortes sein und diesem zu einer Darstellung
   verhelfen, deren Form niemals den Inhalt ueberschreien oder bevormunden
   darf. Die Arbeit des Graphikers muss den Beduerfnissen des Tages entspre-
   chen und lebt, ausser in graphischen Sammlungen, selten laengere Zeit;
   das Buch aber soll die Zeiten ueberdauern.

In der Hand eines verantwortungsbewussten Graphikers ist ein DTP-Programm
sicherlich besser fuer die Werbung geeignet als TeX. Fuer den Satz von
Buechern oder wissenschaftlichen Arbeiten ist TeX wohl besser geeignet
als die meisten DTP-Programme.

> >Bevor jetzt schlaue Kommentare zu diesen Thesen kommen, moechte
> >ich Euch bitten zu pruefen, ob ihr wisst, was in der Typografie
> >z.B. unter den Begriffen Ligaturen, Unterschneidungen, Durchschuss 
> >und Schusterjungen verstanden wird. ;-)
> 
> Wat is dat ?

Ich hoffe, die Frage war nicht ernst gemeint...

(wenn doch, dann sind wohl ein paar Buecher von z.B. Tschichold oder
z.B. "Ursache und Wirkung: ein typographischer Roman" von Erik Spieker-
mann [Berthold AG, Berlin] angebracht.)

-- 
Lutz Birkhahn (Germany)   email: lutz@bisun.nbg.sub.org (don't use another!)
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