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Article #21

Barclay-Bank-Coup

#21
From: Harald Schneider
Date: Sun, 06 Sep 1992 16:13
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Hallo Leute !

Hier ist der Artikel zum "šberfall" auf die Barclays Bank in Hamburg.


-<CUT>-


DER SPIEGEL 34/1992

- Datenschutz -

KENNWORT 888

Jugendliche Telefonpiraten pluenderten den Sprachpostcomputer der Barclays
Bank in Hamburg.  Erbeutet wurden vertrauliche Kreditdaten.

Als dem Versicherungskaufmann Klaus Nassmann* auf einer Reise seine beiden
Kreditkarten abhanden kamen, zoegerte er nicht lange.  Nach Hamburg
zurueckgekehrt, rief er die gebuehrenfreie Service-Telefonnummer seiner
Bank an:  0130-2098.

Eine Frauenstimme bestaetigte ihm, dass er nun "mit dem automatischen
Telefonservice der Barclay Bank verbunden" sei.  Vertrauensvoll gab
Nassmann nach dem Piepton, wie verlangt, Name und Telefonnummer an und
erstattete anschliessend ausfuehrlich Verlustmeldung:  Im Flugzeug habe er
seine Visa- und seine Master-Card verloren, beide Kreditkarten moege die
Bank bitte sperren; dann nannte er die Gueltigkeitsdauer sowie - langsam
und deutlich - die jeweils 16stelligen Kennummern der Kreditkarten.

Abgehoert wurde Nassmans Nachricht zunaechst nicht von an das Bankgeheimnis
gebundenen Barclays-Bediensteten, sondern - nur knappe drei Stunden spaeter
- von drei neugierigen Jugendlichen, die sich bereits von Monaten mit einem
Trick Zugang zu dem bankeigenen Telefoncomputer verschafft hatten.

Ausgeruestet nur mit einem handelsueblichen Tastentelefon, zapften sie am
vorletzten Wochenende und sogar noch am Abend des vergangen Donnerstag
umfassende Kreditkarten-Informationen zahlreicher Barclays-Kunden ab, zum
Beispiel von Anrufern, die detailliert den Empfang ihres Visa- und
Eurocard-Kartensates ("Barclay-Dopper") bestaetigten; von anderen Kunden
erfuhren sie darueber hinaus sogar deren jeweilige Kreditlinie.

Ermoeglicht wurde der telefonische Bankueberfall dadurch, dass Barclays
sein elektronisches Sprachspeichersystem nur unzureichend gegen unbefugten
Zugriff gesichert hatte.  Kommentar des hamburgischen
Datenschutzbeauftragten Hans-Hermann Schrader:  "Voellig unverantwortlich".

Erfreut nutzten die telefonkundigen Eindringlinge noch eine weitere
technische Moeglichkeit, die sich ihnen beim Hacker-Angriff auf die Bank
eroeffnete:  Die Jugendlichen brauchten auf ihrem Telefonapparat nur zwei
Waehltasten zu druecken, um anschliessend mit Hilfe des Spezialcomputers
Ferngespraeche in alle Welt fuehren zu koennen, auf Kosten von Barclays.

Barclays habe, erklaerte Bankleiter Rainer Wendland am vergangenen Freitag,
"ueberhaupt nichts Aussergewohnliches festgestellt".  Kostspielig koennte
der Schaden werden, der den Hamburger Bankern fuer ihr
Kreditkarten-Geschaeft entstanden ist.  Fuer kleine Gauner und organisierte
Kriminelle, die sich beispielsweise auf betruegerische Warenbestellungen
spezialisiert haben, bedeuten die preisgegebenen Daten bares Geld.

Fuer die Bankkunden, die Barclays gebuehrenfreien 0130-Service ("Rufen Sie
uns an - zum Null-Tarif!") anwaehlten, war die Gefahr nicht erkennbar.  Sie
vernahmen nur eine knappe Ansage ("Bitte sprechen Sie nach dem Signalton")
wie von einem herkoemmlichen Anrufbeantworter.  In Wirklichkeit jedoch
stand am anderen Ende ein fuer digitale Sprachaufzeichnung und -wiedergabe
eingerichtetet Spezialrechner.  Solche sogenannten Voice-Mail-Systeme
speichern gesprochene Mitteilungen als computererechte Datenpakete ab, die
bei Bedarf jederzeit wieder in den Originalton zurueckverwandelt werden
koennen.  Anrufweiterschaltung sowie das zeitversetzte Nachsenden von
Sprachpost ("Voice Mail") an festgelegte Teleofnnummern gehoeren zu den
Standardfunktionen derartiger Fernsprech-Computer.

Fernbedienen lassen sich Voice-Mail-Rechner ueber jedes moderne Telefon,
das nach dem amerikanischen Tonwahlverfahren ("Touch Tone") funktioniert.
Ebenso zweckdienlich sind billige "Taschenpieper" fuer
Anrufbeantworter-Fernabfrage, die dieselben Waehltoene erzeugen.  Spezielle
Codes sollan zwar unbefugtes Eindringen verhindern, aber erfahrene
Waehltasten-Hacker haben mit den zumeist nur dreistelligen Nummern kaum
Muehe.

So leicht wie bei Barclays in Hamburg allerdings wurde es den
Telefonpiraten bislang selten gemacht.  Nur knapp zwei Minuten probierten
sie herum, dann hatten sie die Kennung des Systemverwalters in der Bank
entschluesselt.  Mit der schlichten Waehltonfolge "888" oeffneten die
Hacker den Bankcomputer, ein "Meridian Mail"-System von der kanadischen
Firma Northern Telecom, als waere es ihr Hausbriefkasten.

Angesammelt hatte sich die Sprachpost vom Wochenende, saeuberlich markiert
mit dem gesprochenen Zeit-Stempel des Computers:  - "Nachricht 3" etwa,
"von einer externen Nummer Freitag um 18 Uhr eingegangen", stammte von
"Doppel-" Kunde Iwan Ohlau* aus Nuernberg, der seine Eurocardnummer angab
und um Erhoehung des Kreditrahmens von 3500 auf 8000 Mark bat.

- "Nachricht 7" vom Sonnabend, eingegangen um 10.09 Uhr, kam aus dem
nordrhein-westfaelischen Niederkruechten.  Der Anrufer bestaetigte den
Empfang seiner neuen Kreditkarten und nannte dazu die jeweiligen Nummern.

- Nummer zwoelf, ebenfalls am Sonnabend war um 12.44 Uhr "Frau Hall von der
Firma Hall und Hall"*; auch sie bestaetigte detailliert mit Nummern den
Eingang des Karten-Doppels.

"Grobe Fahrlaessigkeit" wirft nun der Datenschutzbeauftragte Schrader, der
in Hamburgauch fuer die Privatwirtschaft zustaendig ist, der Bank vor.
Schrader kritisiert "schwerwiegende Maengel" bei der Systemsicherung und
will ein "aufsichtsbehoerdliches Verfahren" einleiten.  denjenigen
Kartenkunden, deren Daten in die Haende von Hackern gefallen sein koennten,
raet der Hamburger, sich an die Datenschutz-Aufsichtsbehoerdn der
jeweiligen Bundeslaender zu wenden.

Auf Plastikgeld-Betruegereien spezialisierten Einzeltaetern oder Banden
genuegt oftmals die Kenntnis der Kundennamen, der Gueltigkeitsdauer und der
Kreditkarten-Nummer, um etwa beim TV-"Teleshopping" oder bei
Versandhaendlern telefonisch oder schriftlich an eine Deckadresse teure
Waren (beispielsweise komplette Computer oder Softwarepakete) zu bestellen,
die spaeter dann von Hehlern weiterverkauft werden.  Besonders in den USA
hat sich daraus ein florierender Erwerbszweig organisierter Kriminalitaet
entwickelt.

Auch in Deutschland sind solche Kreditkarten-Daten in der kriminellen Szene
schockweise im Handel, gegen Bares geliefert von Waehltasten-Hackern, die
sich zum Beispiel in Firmen-Mailboxes eingeschlichen haben - auch dort sind
solche sensiblen Daten haeufig abgespeichert.  Die Hacker-Lieferanten
ersparen Abnehmern das (oft zurueckverfolgbare) muehsame Abschreiben von
Kartennummern in Restaurant-Hinterzimmern oder das anfaengerhafte
Ueber-die-Schulter-Gucken an der Tankstellen-Kasse (US-Slang:
"Schulter-Surfing").

Besonders leicht fuendig werden die Telefonpiraten in den USA bei den
gebuehrenfreien Service-Nummern mit der Vorwahl"800", in Deutschland bei
den entsprechenden 0130-Anschluessen.  "Jeden Tag mindestens ein Fall" wird
beispielsweise Donald Delaney von der New York State Police gemeldet.  Die
Anbieter der Telefoncomputer, klagt der Ermittler, "klaeren die Kunden
nicht ueber die Schwaechen im System auf".

Service-Nummern wie der 0130-Anschluss der Bank in Hamburg sind bei Hackern
in Deutschland auch deshalb beliebt, weil sie in etlichen Faellen - wie
auch bei Barclays - das kostenlose Telefonieren rund um den Globus moeglich
machen (SPIEGEL 27/1991).

Als zusaetzliche Stimulans fuer deutsche Computerkids hatten in juengster
Zeit zudem verlockende Honorarsummen gewirkt, die eine
Wirtschaftszeitschrift und ein Fernsehsender, aber auch zwei
Sicherheits-Beratungsfirmen aus Koeln und Kalifornien ausgelobt hatten,
damit jugendliche Hacker ihre Kuenste oeffentlich produzieren oder die
Hackerszene ausspionierten.

Einige Telefonpiraten, klagt Andy Mueller-Maguhn vom Chaos Computer Club in
Hamburg, seien "nur noch auf grosses Geld programmiert" und dementsprechend
"voellig durchgeknallt".

Der Waehltasten-Freibeuter, der jetzt den Barclays-Einbruch offenbarte, hat
allerdings eine laengerfristige Perspektive.  Er wole nicht, erklaerte der
Telefonfan, "dass mir eines Tages das passiert, was jetzt den
Barclays-Kunden bluehen koennte".

*Name von der Redaktion geaendert.


-<CUT>-


Bye,

Harald



-> "The only way to multitask with MS-DOS: Run IBeM twice on an AMIGA." <-

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Date: Sun, 6 Sep 92 18:13:00 +0200
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