Article View: de.sci.mathematik
Article #82Re: Hyperreelle Zahlen im Unterricht
From: Michael Brach
Date: Wed, 14 Jan 1998 00:00
Date: Wed, 14 Jan 1998 00:00
127 lines
7062 bytes
7062 bytes
On Sun, 11 Jan 1998 11:45:17 GMT, gap@goerres.de (gap) wrote: >Ich finde die Diskussion recht interessant, ich habe aber ein kleines >Problem: >Was sind Nonstandard-Zahlen? >F�r eine Definition w�re ich dankbar. > Ich antworte mit einem abge�nderten Beitrag einer anderen Newsgruppe (abge�ndert, weil ich inzwischen dazugelernt habe - vielen Dank, Detlef! Aber ganz hast Du mich noch nicht �berzeugt, s.u.): Gemeint sind Zahlen aus der Non-Standard-Analysis. Hyperreell sind sie, weil sie zwischen bzw. neben den reellen Zahlen liegen, und zwar mit infinitesimalem Abstand. D.h, es gibt darunter auch Zahlen, die gr��er bzw. kleiner als jede reelle Zahl sind. In der Schule kann man sie (angeblich, das ist ja meine Frage) wie eine Zahlbereichserweiterung einf�hren (N - Z - Q - R - und schlie�lich "H"). Der Begriff "hyperreelle Zahlen" pa�t hier besser als "Non-Standard-Analysis", weil die Sch�ler den Standard-Weg zur Analysis gar nicht kennenlernen w�rden. Einige Argumente standen in meiner anderen Mitteilung. Zur Idee der Konstruktion (soweit ich es verstanden habe): 1. Stelle jede reelle Zahl als entsprechende konstante Folge dar. 2. Die Grundrechenarten werden gliedweise durchgef�hrt. Alles bleibt soweit beim alten. 3. Interessant wird es, wenn man beliebige Folgen reeller Zahlen betrachtet. Man erh�lt die Menge der hyperreellen Zahlen, die als Teilmenge die reellen Zahlen (n�mlich die konstanten Folgen) enth�lt. 4. Beispiel: man identifiziert den periodischen Dezimalbruch 0,9 nicht mit 1, sondern schreibt ihn als (0,9; 0,99; 0,999; ...) auf. Wenn man die Differenz zu 1, d.h (1; 1; 1; ...) bildet, erh�lt man eine Zahl, deren Betrag jede von null verschiedene reelle Zahl unterschreitet. 5. Man f�hrt die Leibnizsche Sprech- und Schreibweise ein, mit "Differentialen", d.h. infinitesimalen Differenzen. Damit kann man z.B. "dy/dx" anstatt "dy nach dx" wirklich als dy geteilt durch dx, d.h. als Differentialquotient bezeichnen. Beispiel 1: Die Definition der Stetigkeit enth�lt standardm��ig drei Quantoren: F�r alle eps gibt es ein delta, so da� f�r alle x ..... Cauchy meinte dagegen 1821: "... eine Funktion f(x) bleibt stetig - unter Ber�cksichtigung von x in den gegebenen Grenzen, wenn - innerhalb dieser Grenzen eine unendlich kleine Ab�nderung der Variablen eine unendlich kleine Ab�nderung der Funktion selbst bewirkt." Dem entspricht die Definition mit hyperreellen Zahlen fast v�llig: f stetig in a :<=> F�r alle infinitesimalen Nachbarn x von a ist f(x) infinitesimal benachbart zu f(a). Beispiel 2: Die Einf�hrung der Produktregel beim Differenzieren: Im herk�mmlichen Unterricht m�ssen die Sch�ler erst die richtige Produktregel raten (die naheliegende Vermutung " (f*g)'(x) = f'(x) * g'(x) " erweist sich als falsch) was gar nicht so einfach ist. Anschlie�end wird mit einem Grenz�bergang die Behauptung bewiesen. Bei Verwendung hyperreeller Zahlen ist die Ableitung definiert als f'(x0) = RT(dy/dx), RT hei�t Realteil. (Bei der Einf�hrung von H wird bewiesen, da� sich jede finite hyperreelle Zahl eindeutig in eine Summe aus einer reellen Zahl und einer infinitesimalen Zahl zerlegen l��t. Den Realteil bilden hei�t den Infinitesimalteil weglassen) Es gilt y = a*b mit a = f(x0) und b = g(x0). dy/dx = (f(x+dx) * g(x+dx) - f(x)g(x)) / dx = ((a+da)(b+db) - ab) / dx = (ab+adb + bda + dadb - ab) / dx = a*(db/dx) + b*(da/dx) + dadb/dx Bei Bildung des RT f�llt der letzte Summand weg man erh�lt fg' + gf'. Die Formel wurde direkt ausgerechnet und mu�te nicht vorher geraten werden. 6. Es ergibt sich ein Rechenwerkzeug, das a) das mathematisch fundiert ist b) dessen Grundideen auf die "V�ter der Infinitesimalrechnung" zur�ckgehen c) das Physiker und Ingenieure schon lange benutzen, wenn kein Mathematiker zuguckt d) das m�glicherweise f�r Sch�ler einfacher zu durchschauen ist als die Epsilontik. e) nat�rlich auch Probleme beinhaltet: # Bei Einf�hrung von H auf der Ebene der Mengenlehre f�gt man zu ZFC noch ein oder zwei weitere Axiome hinzu und hat alles erledigt (was f�r die Schule bestimmt nicht durchf�hrbar ist). Wenn man konstruktiv vorgeht und H als K�rper will, mu� man eine geeignete Festlegung treffen, wann zwei h-reelle Zahlen gleich sind, wann eine gr��er ist usw (z.B.: gleiche Folgenglieder bis auf endlich viele). Das Problem mit den Nullteilern l�st man, wenn man beispielsweise die unendlich viele ungerade Indices schon als "gen�gend oft" f�r eine Gleichheit mit null ansieht. # Das �bertragungsprinzip gilt nur f�r Aussagen der Pr�dikatenlogik erster Stufe. # Alle Funktionen m�sen auf H erweitert werden. 7. Also ist es wie immer: Es gibt Vor- und Nachteile. Noch habe ich aber den Eindruck, da� es sich um Vorteile f�r den Sch�ler handelt (beim Verwenden der h-Zahlen). Die Nachteile scheinen mir mehr f�r den Lehrer zu gelten, der als Mathematiker gerne eine vollst�ndige Theorie vermitteln m�chte. Soweit ich aber den Unterricht aus Lehrersicht bisher kennengelernt habe, ist das sowieso nie der Fall. Es kommt im Mathematikunterricht darauf an, logisches und mathematisches Denken, Arbeiten und Probleml�sen usw zu vermitteln. Aber das kann mE selbst innerhalb einer Disziplin (z.B. Analysis) in der Regel nur exemplarisch geschehen. D.h. es wird immer Beweise geben, die man weglassen mu�, weil die Zeit nicht reicht oder weil sie zu schwer sind. Ich finde, dazu sollte man stehen und es den Sch�lern auch sagen (und nicht irgendwas in 2 min durchziehen, damit keiner aufschreit, wie es jmd sagte) Wie gesagt, ich k�nnte mir vorstellen, einige der o.g. Probleme auszusparen, oder besser ungel�st stehenzulassen und daf�r die Vorteile des Systems auszuspielen. Au�er es meldet sich mal jemand, der mir sagt: Ich habs probiert und es klappt nicht! Viele Gr��e Michael
Technical Details
Message-ID:
<34bc0729.7654074@news.cww.de>Path:
arc1-ca.pugleaf.net!unknown!not-for-mailReferences:
<34a04bb9.7142778@news.cww.de> <6kU3qQXIBhB@jojo.escape.de> <34b140d2.548692@news.cww.de> <6lMboENIBhB@jojo.escape.de> <69abhv$ivu$1@clubserv.rp-online.de>Show Full Headers
Complete Article Headers
X-Google-Language: GERMAN,ASCII X-Google-Thread: 1034db,695d2f8aba52d1ef X-Google-Attributes: gid1034db,public X-Google-Thread: 12ad7e,695d2f8aba52d1ef X-Google-Attributes: gid12ad7e,public X-Google-Thread: 102d9c,695d2f8aba52d1ef X-Google-Attributes: gid102d9c,public X-Google-Thread: f431c,695d2f8aba52d1ef X-Google-Attributes: gidf431c,public X-Google-Thread: 1032cb,695d2f8aba52d1ef X-Google-Attributes: gid1032cb,public From: michael.brach@ruhr-uni-bochum.de (Michael Brach) Subject: Re: Hyperreelle Zahlen im Unterricht Date: 1998/01/14 Message-ID: <34bc0729.7654074@news.cww.de> X-Deja-AN: 315720364 References: <34a04bb9.7142778@news.cww.de> <6kU3qQXIBhB@jojo.escape.de> <34b140d2.548692@news.cww.de> <6lMboENIBhB@jojo.escape.de> <69abhv$ivu$1@clubserv.rp-online.de> Organization: Telemedia News Server Reply-To: michael.brach@ruhr-uni-bochum.de Newsgroups: de.sci.mathematik,bln.lehre.mathematik,cityweb.schule.mathematik,schule.mathe.did,z-netz.wissenschaft.mathematik