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Article #446

Ist die Freie Universitaet noch zu retten?

#446
From: Stefen Niemeyer
Date: Sat, 25 Jan 1997 00:00
69 lines
3960 bytes
Veroeffentlichung in der Berliner Morgenpost vom 26. Januar 1997
http://www.berliner-morgenpost.de

Die Freie Universitaet Berlin befindet sich  in einer existentiellen Krise. 
Sie hat zwischen 1992 und 2003 180 Millionen DM einzusparen (+55 Mio Medizin)
und streicht etwa 300 Professuren (-45%), aber nur 15% der
Buerokraten-Stellen ("Sonstiges Personal").
Auf innere Reformen hat die FU bisher verzichtet. Letzte Woche fanden
Gremienwahlen statt. 

Dazu folgender Kommentar:


--Ist die Freie Universitaet noch zu retten?

Von Stefen Niemeyer

Wenn die Verhaeltnisse an der Freien Universitaet (FU) so "stabil" blieben, 
wie die FU-Pressestelle bei der Bekanntgabe der Ergebnisse juengsten 
Gremienwahlen zu suggerieren versucht, waere es um die FU geschehen. Dann 
haette die Politik jedes Recht und sogar die Pflicht, diese Universitaet 
abzuwickeln. Doch noch darf man die Hoffnung nicht aufgeben, in innere 
Emigration verfallen oder Berlin den Ruecken kehren.

Damit die FU aus ihre existentiell bedrohlichen Situation herauskommt, 
sind in der naechsten Zeit drei wichtige Personalentscheidungen 
herbeizufuehren:

1.  Die Wahl eines neuen Kanzlers: Er muss in der Lage sein, eine grosse 
Verwaltungsreform durchzufuehren. Ueber die Nachfolge des am 31. Januar 
ausscheidenden Kurt Hammer tobt hinter den Kulissen seit Monaten ein 
heftiger Kampf. Im Kuratorium, das den neuen Kanzler auswaehlt, haben 
sich auf der Seite der universitaeren Mitglieder die politischen 
Mehrheiten zum Nachteil der "Linken" veraendert. Noch ist offen, ob das 
fuer die Kanzlerwahl relevant ist. Am kommenden Freitag muss das 
bisherige Kuratorium zunaechst entscheiden, ob es noch selbst den Kanzler 
auswaehlt oder dies dem neu zu konstituierenden Kuratorium ueberlaesst.

2.  Die Wahl der Vizepraesidenten im kommenden Sommer: Der farblose Vize 
Werner Vaeth hat es nicht geschafft, klare Entscheidungen ueber die 
kuenftige Struktur in den Geisteswissenschaften herbeizufuehren. Im 
Konzil, dem Wahlgremium, hat es eine leichte "Rechtsverschiebung" gegeben. 
Ob das zu neuen Mehrheiten fuehret, ist offen. Die FU-"Rechten" stuetzen in 
einer Grossen Koalition mit linkradikalen AStA-Vertretern das jetzige 
Team um Praesident Johann Gerlach.

3.  Die FU braucht einen neuen Praesidenten. Gerlach hat es aufgrund 
seines chaotischen Fuehrungsstils, seiner Ideen- und Hilflosigkeit in 
sechs Amtsjahren nicht geschafft, die Uni zu reformieren. Er sollte abtreten.

Damit Spitzenleute fuer die Uni-Leitung gewonnen werden koennen, muss 
zunaechst die Politik klarstellen, dass reformwillige FU erhalten und 
unterstuetzen will. Herausragende Leute waeren sonst fuer die 
Leitungspositionen nicht zu gewinnen. Die Entscheidung ueber den Erhalt 
von drei Berliner Universitaeten duerfte eigentlich nicht schwer fallen. 
Denn jahrelang ist zurecht ueber die "Massenuniversitaet" geklagt worden. 
Mit der Verschmelzung von drei Unis zu einer wuerden die Berliner 
Politiker nur ein neues Monstrum schaffen.

Die Politik und die neugewaehlten FU-Gremienmitglieder sind aufgerufen, 
alles zu tun, um die Universitaet(en) zu retten. Dabei geht um nicht nur 
um die Existenz der FU. Fuer ganz Berlin gilt: Wer Wissenschaft und 
Nachwuchs nicht ehrt, ist der Zukunft nicht wert.

(Stefen Niemeyer wurde auf der neuen Liste FU-Buendnis in das 
Studentenparlament gewaehlt)

PS: Ich freue mich ueber Kommentare.
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