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Article #40

HINTERGRUENDE Nr.12: Die Rolle der Medien

#40
From: Stefan Merten
Date: Wed, 24 Apr 1991 14:10
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Die Rolle der Medien


"Wir haben alle versagt. Das Ma{\ss} seines pers\"onlichen Versagens 
mu{\ss} jeder mit sich selbst ausmachen. \"Uber das Ma{\ss} unseres 
kollektiven Versagens als Berufsstand haben wir \"offentlich 
Rechenschaft zu geben." -- Klaus Bednarz, Leiter der Redaktion 
"Monitor" beim WDR K\"oln

Norman Schwarzkopf, US-General, Chef der Milit\"araktionen am Golf 
"dankte" den Medien daf\"ur, da{\ss} sie sich in einem "gigantischen 
T\"auschungsman\"over" von den Milit\"ars so "gezielt manipulieren" 
lie{\ss}en, da{\ss} sie eine "wichtige Waffe gegen den Irak" gewesen 
seien.

Im Golfkrieg spielte die Presse eine enorm wichtige Rolle. Wie 
in noch keinem bisherigen Krieg hat die Weltbev\"olkerung den 
Krieg mitverfolgen k\"onnen. Der Verlauf des Krieges wurde in 
allen Medien, ob Fernsehen, Zeitung oder Radio zum Hauptthema. 
Auflagen und Sendezeiten vervielfachten sich. So z.B. die des 
britischen Boulevardblattes SUN, das fast ein Viertel der 
britischen Zeitungsleser erreicht, um 40 000 - 50 000 Exemplare 
seit Beginn des Golfkrieges.

Verdrehungen an der Tagesordnung

Die Presse wurde von der amerikanischen Regierung gezielt 
manipuliert und in ihren M\"oglichkeiten eingeschr\"ankt. Die 
wenigen Zeitungen, die in den USA gegen die Pressebehinderungen 
vor Gericht gegangen sind, wurden von den gro{\ss}en Presseh\"ausern 
weder unterst\"utzt, noch wurden die beginnenden Verfahren in den 
Medien erw\"ahnt. Daraufhin befragt entgegneten diese, da{\ss} sie 
zusammen in einem Brief an den Pr\"asidenten um Abbau der 
Pressebeschr\"ankungen gebeten h\"atten. Sie w\"urden sich weiter 
hinter den Kulissen darum bem\"uhen. In den Medien wurde zwar auf 
die Restriktionen hingewiesen, es wurden trotz allem Fakten 
einseitig und unreflektiert an die \"Offentlichkeit weitergegeben.
Im amerikanischen Fernsehen wurden Piloten gezeigt, die 
angeblich gefoltert worden waren. Die Ehefrau eines Piloten 
hatte die Originalversion des Filmmaterials erhalten, mu{\ss}te aber 
Stillschweigen wahren. Im nicht von den Medien gezeigten Teil 
gr\"u{\ss}te der Pilot seine Familie. Sie solle sich um seine 
Gesichtsverletzungen, die er sich bei dem Absturz in der W\"uste 
geholt habe, keine Sorgen machen.
Nach einer Rede des irakischen Pr\"asidenten Husseins in der 
wichtigsten Phase der Abzugsverhandlungen kam als Schlagzeile in 
einigen gro{\ss}en Zeitungen und im Fernsehen: "Saddam will weiter 
k\"ampfen". Verf\"alscht wurde Saddams Aussage, indem der erste Teil 
des Satzes wegfiel: "Wenn sie unsere Vorschl\"age nicht 
akzeptieren...".

Miserable Arbeitsbedingungen

Journalisten durften nur in Gruppen und in Begleitung von 
Armeeangeh\"origen recherchieren, angeblich um die Kampfkraft der 
Armee und das Ansehen der Soldaten nicht zu schw\"achen. Nur 
wenige Presseh\"auser beschwerten sich \"uber diese Beschr\"ankungen, 
von einigen wurden diese Regelungen sogar unterst\"utzt. Sowieso 
waren die H\"auser, die am Pressepool teilnehmen durften, 
handverlesen. Politisch mi{\ss}liebige und kritische Medien wurden 
gar nicht erst zugelassen.
Berichte mu{\ss}ten nicht selten zweimal genehmigt werden, am Golf 
und in den USA, wodurch ihre Ver\"offentlichung verz\"ogert wurde 
und sie nicht mehr aktuell waren oder aber die amerikanische 
Regierung in Pressemitteilungen den Berichten zuvorkam und ihnen 
alle Brisanz nahm.
Offiziere werden in den amerikanischen Streitkr\"aften ganz 
speziell auf den Umgang mit der Presse vorbereitet. Bekannt 
daf\"ur sind das National War College in Washington und die 
Defense Information School in Indianapolis.
Nach Beginn der Bodenoffensive gab es eine 48-st\"undige 
Nachrichtensperre. F\"ur Schlagzeilen und ellenlange Berichte 
mu{\ss}ten die Scud-Angriffe der Iraker auf Israel sorgen, w\"ahrend 
\"uber die sehr viel gr\"o{\ss}eren Zerst\"orungen im Irak und in Kuwait 
kaum berichtet wurde.
Durch die Nachrichtenkontrolle wich die Presse auch auf die 
Patriot-Raketen als Thema aus, die dadurch zu Wunderwaffen 
wurden. Das war den amerikanischen Milit\"ars allemal recht: Die 
Notwendigkeit solcher Waffen wurde (trotz immenser Kosten von 
1,1 Millionen Dollar pro St\"uck) allen einsichtig, was sich gut 
auf das amerikanische Weltraumverteidigungskonzept SDI umlenken 
l\"a{\ss}t.
Erste Bilder aus dem Golfkrieg waren die Folgen von in Brand 
geschossenen und auslaufenden \"Oltankern. Kriegsfotografie durfte 
schon seit jeher nicht das wahre Bild des Krieges zeigen: "Keine 
Leichen bitte!". Sie zerst\"oren die Illusion vom sauberen Krieg. 
Die Macht der fotografischen Bilder - Tote, Versch\"uttete, 
Schwerverletzte - ist gef\"urchtet, seit es sie gibt. Anders als 
der Stift des Zeichners scheint die Kamera objektiv, authentisch 
ein St\"uck Realit\"at zu erfassen. Die vermeintliche Sicherheit, 
da{\ss} Bilder nicht l\"ugen, mu{\ss} von denen, die Kriege f\"uhren, unter 
Kontrolle gehalten werden. Bilder wirken. Individuelle Leiden in 
Zeitungen gedruckt und jedem zug\"anglich k\"onnen in der 
Bev\"olkerung die falschen, pazifistischen Gef\"uhle wecken. Der 
Stachel des Vietnamkriegs, w\"ahrend dem die amerikanischen Medien 
wesentlich unbehinderter arbeiten durften, sitzt tief.

Folgen solcher Berichterstattung

Auch durch diese Berichterstattung sind Kriege wieder f\"uhrbar 
geworden. Da wird Ereignissen wie einer 300-k\"opfigen 
Pro-Irak-Demonstration und einer Friedensdemonstration mit 
75 000 Menschen aus allen Bev\"olkerungsgruppen gleiche Bedeutung 
beigemessen. Kommentare wie: die Polizei h\"atte die Zahl 75 000 
vorausgesagt, werden der Tatsache in keiner Weise gerecht, da{\ss} 
es in der amerikanischen Friedensbewegung innerhalb der ersten 
Kriegswoche gelungen ist, mehr Menschen auf die Stra{\ss}en zu 
bringen als in den ersten Jahren des Vietnamkriegs.
In England durften noch nicht einmal mehr kriegskritische 
Schlager gespielt werden. Bezeichnend ist, da{\ss} dieses Verbot 
noch nicht einmal in der Presse erw\"ahnt wurde. Bei den 
amerikanischen Radiostationen brauchte es ein solches Verbot 
nicht einmal: Sie verzichteten freiwillig!
Paradoxerweise verbieten die Amerikaner als Verteidiger der 
westlichen Demokratien und deren Freiheiten genau diese 
Freiheiten, wenn sie im Golfkrieg f\"ur deren Erhalt zu k\"ampfen 
vorgeben.

  ViSdP: Karsten Glockenbring f\"ur Kaiserslauterer Friedensplenum, 
                           Buchenlochstr. 37, 6750 Kaiserslautern
-- 
My name is Stefan Merten and you can reach me at <merten@informatik.uni-kl.de>
"Socialism or barbarity" -- Rosa Luxemburg
"Radical (from radix: root!) thinking and moderate acting YES,
      fanaticism or dogmatism NO!" -- Stefan Merten
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Date: 24 Apr 91 14:10:19 GMT
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