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Article #39HINTERGRUENDE Nr.11: Deutsche Ruestungsexporte in den Irak
From: Stefan Merten
Date: Tue, 16 Apr 1991 12:37
Date: Tue, 16 Apr 1991 12:37
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Deutsche R\"ustungsexporte in den Irak
Der Krieg am Golf hat uns wieder einmal gezeigt, da{\ss}
R\"ustungslieferungen aus den Industriel\"andern ein ungeeignetes
Mittel sind, die weltweiten Konflikte zu bew\"altigen - im
Gegenteil, sie versch\"arfen sie. In diesem Gesch\"aft mit dem Tod
mischt auch die Bundesrepublik kr\"aftig mit, geh\"ort sie doch
inzwischen zu den f\"unf gr\"o{\ss}ten R\"ustungsexporteuren der Welt.
Besonders zu erw\"ahnen ist die Qualit\"at der bundesdeutschen
Exporte in den Irak. So war es wieder einmal die bundesdeutsche
Spezialit\"at, n\"amlich die Lieferung von Know-how und Maschinen
zur Kriegswaffenproduktion sowie ganzer R\"ustungsfabriken, die
den Irak in die Lage versetzte, Giftgas in gro{\ss}en Mengen,
Kanonen und Mittelstreckenraketen zu produzieren und zu
modernisieren. Diese Art Gesch\"afte haben meist verheerendere
Wirkung als der Export von Panzern und Flugzeugen. Sie haben
dar\"uber hinaus den Vorteil, langfristige Lieferbeziehungen
aufzubauen und erzeugen in der Regel nicht viel Aufsehen.
Es folgt eine garantiert unvollst\"andige Auflistung von
R\"ustungsg\"utern, die von bundesdeutschen Firmen an den Irak
geliefert wurden.
Produktion von chemischen Waffen
1975 lieferte die Karl Kolb GmbH dem Irak Laboranlagen f\"ur
Pestizide, die als Ausgangsstoffe f\"ur die Produktion von
C-Waffen dienen. 1981 lieferte die selbe Firma Analyse- und
Untersuchungsger\"ate f\"ur die C-Waffen-Produktionsanlage Sammarra.
Pilot Plant lieferte zur selben Zeit experimentelle Anlagen im
Labor- und Versuchsma{\ss}stab. Durch diese Lieferungen ist der Irak
seit 1981 in der Lage j\"ahrlich 48t Sarin (Nervengift) und Tabun
(Nervengas) zu produzieren.
1984 installierten Rhema Labortechnik und Karl Kolb
Inhalationskammern und Preussag Wasseraufbereitungsanlagen.
Herberger Bau baute Bunker und Hallen, Hammer lieferte
Klimaanlagen und Quast Speziallegierungen. Die Lieferung von
Schl\"usselchemikalien durch W.E.T. 1985 erm\"oglichte dem Irak die
Produktion von 720t Senfgas.
1982 wurde unter Mithilfe von Kolb-Experten bei Rhein-Bayer
toxikologische Labors in Magirus Deutz LKWs eingebaut, von der
Bundeswehr besichtigt und 1983 in den Irak transportiert.
1991 soll (sollte?) die C-Waffen Produktionsanlagen Falluja in
Betrieb gehen. 1986 bis 1988 beschaffte W.E.T. u.a. die
Abf\"ullanlage f\"ur Nervengas \"uber Mersin (T\"urkei). F\"ur dieses
Projekt schulte W.E.T. irakische Spezialisten bei Atochem in
Frankreich.
Einzelne Projekte
Das deutsch-\"osterreichische Firmenkonsortium Gildemeister
leitete 1984 als Generalunternehmer den Bau von Saad-16, einem
milit\"arischen Forschungs- und Entwicklungszentrum, und
\"ubernahmen au{\ss}erdem den Bereich Technologie. In einem
bombensicheren unterirdischen Funkraum befindet sich hochmoderne
Siemens-Funktechnologie. MBB lieferte eine Anlage zur Vermessung
von Raketenflugbahnen.
Auf der Referenzliste zum Projekt Saad-16 befinden sich noch die
Firmen Rheinmetall, Fritz Werner, Karl Kolb, Integral, Sauer
Informatics CMES, K\"orber AG, PB GmbH, BP, Degussa, Mauser, Tesa
und Zeiss. Zum Projekt Saad-16 sollen in 38 deutschen Firmen,
darunter MBB, irakische Spezialisten ausgebildet worden sein.
1987 leitete MBB als Generalunternehmer Anlagen zum Bau einer
Mittelstreckenrakete, das Projekt-395. W.T.B. intern, die
Schweizer Tochterfirma der W.T.B. erledigte fast alle
Bauarbeiten an diesem Projekt, das 1988 abgeschlossen wurde. BBC
lieferte die Elektroinstallationen, Siemens (Erlangen) lieferte
Stark- und Schwachstromanlagen incl. \"Uberwachungsanlagen. Nickel
Klimatechnik lieferte Aggregate zur Temperaturstabilisierung und
MBB-Dozenten schulten in Mosul irakische Techniker.
1989 bauten die Firmen Hochtief und Z\"ublin die Kanonenfabrik bei
Tadschi. Au{\ss}erdem waren noch die folgenden Firmen mit
verschiedenen Lieferungen beteiligt: Schermann,
Kieserling-Albrecht, L. Schuler GmbH, B\"uhrle-Orlekon, MAN, SMS
Hasenclever GmbH, Kl\"ockner, ABB, Mannesmann, Dango & Dienthal,
Maschinenfabrik Ravensburg, TBT, Siemens, LOI, Leybold, H&H
Metalform. Das Know-How f\"ur die Schmiede lieferten Ferrostahl,
Rheinmetall und Buderus.
Atomare und biologische Waffen
Seit Anfang der achtziger Jahre soll eine Atom-Kooperation
zwischen Brasilien und dem Irak bestehen. Brasiliens Atomwissen
basiert auf BRD-Know-How. Es besteht ein g\"ultiger Vertrag zur
atomaren Zusammenarbeit. 1989 lieferte H&H Metalform Maschinen
zur Herstellung von Gaszentrifugen und Inwako GmbH Ringmagnete
f\"ur Gasultrazentrifugen, mit dem Uran auf 90% angereichert und
damit atombombentauglich gemacht werden kann. Saarstahl
produzierte Spezialbleche und schulte irakische Spezialisten.
1990 soll \"uber Pakistan Nukleartechnik aus der BRD in den Irak
gekommen sein. Ausbildungshilfe von Interatom \"uber
Nuklear-Know-How wurde 1990 abgebrochen.
1986 und 1987 lieferten Sigma Chemie und Plato K\"uhn Pilzgifte,
Rhema Labortechnik Inhalationskammern und Labsco GmbH
W\"armeger\"ate und Trockenschr\"anke zur B-Waffen-Herstellung.
MBB, Daimler-Benz und andere
MBB lieferte Helikopter, das Flamingo Ausbildungsflugzeug wurde
in Spanien produziert. 1981 lieferte MBB mit der
deutsch-franz\"osischen Verkaufsgesellschaft Euromissile 5000
Panzerabwehrwaffen Hot und 4450 Panzerabwehrraketen Milan. 1982
wurden mit AEG und Euromissile 1050 Flugabwehrraketen Roland und
mit der franz\"osischen Firma Aerospatial bis 1986 542
Exocet-Lenkwaffen in den Irak geliefert.
Daimler-Benz lieferte in den Jahren 1976 bis 1987 600 EE-11
Urutu, 826 EE-Cascaval und 500 EE-3 Jararca Sch\"utzenpanzer.
Zwischen 1976 und 1986 lieferte Daimler-Benz 6737 Gel\"andewagen
(Unimogs und Armee-LKWs).
1981 und 1982 lieferte Faun 836 Panzertransporter. 1990 bauten
Boswau & Knauer AG einen Atombunker unter dem Pr\"asidentenpalast
von Saddam Hussein.
Fazit
Die Bundesregierung hat nicht den geringsten politischen Willen,
die R\"ustungsexporte einzustellen. Dies wird sich auch durch die
Erfahrungen mit dem Irak nicht \"andern. Ver\"anderbar ist diese
Politik nur dann, wenn der \"offentliche Druck auf die Regierung
und die deutschen R\"ustungsproduzenten und -exporteure dauerhaft
so hoch wird, da{\ss} ihnen nicht mehr anderes \"ubrig bleibt, als
sich konsequent an das Grundgesetz zu halten und alles zu
unterlassen, "was geeignet ist das friedliche Zusammenleben der
V\"olker zu st\"oren".
ViSdP: Ilona Ratter f\"ur Kaiserslauterer Friedensplenum,
Buchenlochstr. 37, 6750 Kaiserslautern
--
My name is Stefan Merten and you can reach me at <merten@informatik.uni-kl.de>
"Socialism or barbarity" -- Rosa Luxemburg
"Radical (from radix: root!) thinking and moderate acting YES,
fanaticism or dogmatism NO!" -- Stefan Merten
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