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Article #50Re: Schoepfung oder Evolution?
From: Holger Stegemann
Date: Fri, 07 Feb 1992 13:43
Date: Fri, 07 Feb 1992 13:43
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schweik@cppob.ruhr.de (Martin Schweikert) writes:
>brubli@purodha.GUN.de (Bruno Blissenbach) writes:
>> In seinem Artikel <2790@uuchip.obb.sub.org>
>> sagt haegar@uuchip.obb.sub.org (Lutz Mueller) :
>Es darf natuerlich jeder erachten, was er will. Aber aus litera-
>turwissenschaftlicher Sicht ist die Bibel in ihrer Ueberliefe-
>rungsqualitaet ohne Beispiel. Sie enthaelt Dokumente, die Ab-
>schriften (nicht Nacherzaehlungen oder Uebersetzungen) von Augen-
>und Ohrenzeugenberichten sind.
Wenn Du damit sagen willst, dass die Bibel ein gut dokumentierter
Tatsachenbericht sein soll und ihre Beschreibungen den damaligen
Geschehnissen buchstaeblich entsprechen soll, ist das eine krasse
Fehleinschaetzung der Tatsachen, die in dieser Form eigentlich nur noch
von katholischen Theologen und einigen Glaubensfanatikern behauptet wird.
Ohne Beispiel ist tatsaechlich, wie viele verschiedene Bibelsammlungen
und Uebersetzungen es gibt und sogar in fruehesten Zeiten gab. Keine
andere literarische Sammlung wurde so oft verfaelscht wie die Schriften,
die im 3. Jahrhundert als 'Bibel' zusammengefasst wurden.
Beispiel Evangelien: KEINES der vier in der Bibel stehenden Evangelien
liegt im Urtext vor. KEINES dieser Evangelien wurde auf hebraeisch oder
aramaeisch, der Muttersprache des Jesus, verfasst. Die aeltesten uns
ueberlieferten Texte sind griechisch geschrieben.
Keines der Evangelien kann von einem Augenzeugen geschrieben worden sein,
allenfalls koennen muendliche Ueberlieferungen in die Texte eingeflossen
sein.
Das letzte Kapitel des Markusevangeliums, mittlerweile in der Einheits-
uebersetzung in Klammern gesetzt und mit einer Fussnote versehen, ist
erst mehrere hundert Jahre nach der Urfassung hinzugefuegt worden,
offenbar weil dem Autor der urspruenglich abrupte Schluss dieses
Evangeliums nicht passte.
Viele, viele Bibelstellen (wieder Einheitsuebersetzung) tragen den
Vermerk "nicht bei aelteren Textzeugen", was immer bedeutet, dass der
entsprechende Text spaeter hinzugedichtet wurde.
Von Ueberlieferung und Augenzeugenbericht also keine Rede.
>>Abgesehen davon: Ich finde es hochinteressant, dass Moses schreibt:
>>"Du sollst nicht toeten" und nicht etwa: "Du sollst nicht morden"
>Auf diesen Gedanken kann man nur anhand dieser deutschen Ueber-
>setzung kommen. Tatsaechlich ist "morden" hier der besser ge-
>waehlte Ausdruck fuer das hebraeische "razach". Dieses Wort und
>seine Ableitungen werden im Alten Testament ausschliealich im
>Kontext von (vorsaetzlichem) Mord oder (nicht vorsaetzlichem)
>Totschlag verwendet, nie in einem Kontext von Krieg.
Und was will uns der Schreiber der Gebote damit sagen - dass das Toeten
im Krieg erlaubt ist? Wie ist dann diese Aussage im neuen Testament
zu interpretieren, in dem steht: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen,
die euch verachten?
>>Da koenntest Du recht haben. Die Originale kenne ich nicht. Ich koennte
>>sie mangels Sprachkenntnis auch nicht lesen.
>Ich schon. Und ich kann versichern: die gaengigen Uebersetzungen
>geben - wenn letztlich auch keine in vollkommener Weise - den
>Grundtext zuverlaessig wieder. Es sollte sich niemand vom Bibel-
>lesen abhalten lassen, weil er meint, die Uebersetzungen wuerden
>den Sinn verwaessern.
Welchen Grundtext? Der Einheitsuebersetzung liegen doch mehrere Quellen
zugrunde, einen wirklichen 'Grundtext', eine Ur-Bibel sozusagen, gibt
es doch gar nicht. Die Sammlung, die in ihrer lateinischen Uebersetzung
als Vulgata bekannt wurde und der katholischen Kirche noch heute als
Grundlage dient, kannst Du damit wohl nicht meinen, oder?
>Das ist nicht ganz korrekt: Das Neue Testament enthaelt VIER
>Evangelien. Auaerhalb des Neuen Testaments gibt es noch eine
>ganze Reihe von sogenannten "apokryphen" und "pseudepigraphen"
>Schriften. Der Umfang (man spricht vom "Kanon") des Neuen
>Testamentes wurde zu einem Zeitpunkt festgelegt, als man noch
>entscheiden konnte, ob ein Evangelium oder ein Brief echt oder
>getuerkt war. Diese Apokryphen und Pseudepigraphen sind aber
>laengst bekannt, es sind keine verheerenden Enthuellungen zu
>erwarten (entgegen dem, was der Sensationsjournalismus glauben
>machen will).
AUA!!!!
Es war damals sicherlich keine Entscheidungsgrundlage, ob eine Schrift
echt war oder nicht. Es war sogar allgemein ueblich und auch anerkannt,
gefaelschte Schriften und Dokumente zu verbreiten.
Heute weiss die historisch-kritische Bibelforschung, dass mindestens
die Petrus-Briefe und von Paulus die Timotheus-Briefe und noch ein
paar andere (ich habe meine Unterlagen grade nicht zur Hand) gefaelscht
sind. Im Sinne der Tradition und der unverrueckbaren Standpunkte wird
dann aber behauptet, dass diese Briefe im Sinne der vorgeblichen Autoren
geschrieben wurden und deshalb ihren Namen tragen. Auch der Standpunkt,
dass sowieso alle Schriften vom heiligen Geist diktiert wurden und schon
deshalb fehlerfrei sein muessen, ist immer noch weit verbreitet...
Die Apokryphen wurden zeitweise auch zu den heiligen Schriften gezaehlt.
Sie sind in einer gut sortierten Buchhandlung zu bekommen, aber die
Lektuere ist nicht unbedingt lohnend.
Was viel interessanter zu werden verspricht, sind die Qumran-Schriften, die
vor einigen Jahren gefunden wurden und die tatsaechlich noch nicht voll-
staendig veroeffentlicht wurden. Das Buch "Die Jesus-Akte" oder so aehnlich
ist ja momentan sehr gefragt.
>>Die Aussage "7 Tage" sollte korrekt wohl mit "7 Zeitalter" uebersetzt
>>werden
>Das trifft nicht zu. Die hebraeische Konstruktion ist eindeutig:
>Es steht dort "Tag 1, ... Tag 2, ... Tag 3, ..." Zwar ist es
>richtig, daa das hebraeische "jom" in seltenen Faellen nicht mit
>"Tag", sondern mit "Zeitalter" uebersetzt werden mua; wenn "jom"
>aber mit einem Zahlwort verbunden ist, ist immer der 24-Stunden-
>Tag gemeint.
>> In diesem Zusammenhang nimmt es nicht
>>Wunder, dass die Uebersetzer der Bibel ins Lateinische einen Fehler
>>machten, dessen heutige Uebersetzung schlicht als "pseudowissenschaft-
>>licher Unfung" abgetan werden kann.
Die Erzaehlung von der Erschaffung der Welt IST EIN MYTHOS !!!!
Wenn es das nicht ist: Erklaere mir doch bitte mal, was da am zweiten
Schoepfungstag geschaffen wurde...
>>Die Schoepfungs-Idee (wie von den meisten "Christen" angeblich geglaubt)
>>halte ich fuer undifferenzierten Hirnriss,
>Ich halte die Idee eines intelligenten, auaerhalb unserers Wahr-
>nehmungsbereiches agierenden Schoepfers genauso viel oder wenig
>hirnrissig wie die Idee eines saemtlichen Erfahrungssaetzen der
>modernen Naturwissenschaft widersprechenden Urknalls.
Haeh?? Die Urknalltheorie ist eine Aussage der modernen Physik, die
gerade versucht, allen Beobachtungen gerecht zu werden. Sie wider-
spricht keineswegs "saemtlichen Erfahrungssaetzen". Ob sie richtig
ist oder nicht, wird man erst in einigen Jahren sehen, aber sie
hat bisher ihren Konkurrenztheorien gegenueber einige Vorspruenge.
Im Gegensatz dazu ist die Idee eines 'Schoepfers' schon wesentlich
weniger auf Erfahrungen aufgebaut, sondern mehr auf Phantasie.
>Selbstverstaendlich sind die Aussagen des biblischen Schoepfungs-
>berichtes sowenig naturwissenschaftliche Aussagen wie "Am Anfang
>war der Urknall". Aber sie geben einen Rahmen vor, in dem die
>naturwissenschaftlichen Fakten und Erfahrungstatsachen gedeutet
>werden koennen.
Nochmal: Die Urknalltheorie ist eine THEORIE. Uebrigens findet der
Papst sogar, dass diese Theorie mit der Schoepfungsgeschichte vereinbar
sei (steht in "Eine kurze Geschichte der Zeit" von Stephen Hawking).
Eine steady-state-Theorie, bei der das Universum ewig existiert, waere
schon viel schwieriger in das biblische Weltbild einzupassen. Aber
den findigen Theologen wird da sicher auch was einfallen, wie sie's
hinbiegen koennen...
>Ich hatte in einer frueheren Diskussion schon
>darauf hingewiesen, dass es - gar nicht so wenige - Naturwis-
>senschaftler gibt, die dem Schoepfungsmodell vor dem Evolutions-
>modell den Vorzug geben und auf dieser Basis saubere Naturwissen-
>schaft betreiben.
SAUBERE Naturwissenschaft? Jetzt wird's polemisch...
Es wuerde mich mal interessieren, was diese Schoepfungswissenschaftler
so herausgefunden haben und wie sie es begruenden - WISSENSCHAFTLICH
begruenden, und nicht nur unter Verweis auf die Genesis. Wo werden denn
die Forschungsergebnisse veroeffentlicht?
>Etwas ganz anderes ist es, die Aussagen der
>Bibel ernst zu nehmen und in diesem Deutungsrahmen Wissenschaft
>zu betreiben. Wenn jemand an dieser alternativen Denkweise inte-
>ressiert ist, kann ich waermstens die Fachtagungen "Biologie",
>"Geowissenschaften", "Physik/Kosmologie" und "Informatik" des
>wissenschaftlichen Vereins "Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN"
>empfehlen. Naehere Informationen gibt es bei der Geschaeftsstelle
>des Vereins, Sommerhalde 10, 7292 Baiersbronn-Roet, Tel. 07442 /
>4472.
Die Informationen, die ich von dort bekommen habe, haben mich nicht
besonders beeindruckt. Philosophisches Geplaenkel ist nicht das, was
ich unter Naturwissenschaft verstehe.
>| Dipl-Dok. Martin Schweikert Mail: schweik@cppob.ruhr.de |
Was ist ein Dipl-Dok. ?
Holger
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Holger Stegemann 100016.633@compuserve.com
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