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Article #6Re: Der Sinn von News (Stuttgarter Server)
From: Erhard Sanio
Date: Thu, 19 Dec 1991 18:19
Date: Thu, 19 Dec 1991 18:19
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In article <1991Dec19.084505.8257@rusmv1.rus.uni-stuttgart.de> zrhk0390@awsws4.rus.uni-stuttgart.de (Andreas Wierse) writes: >Meiner Meinung nach geht die ganze Diskussion ueber die Abschaffung >einzelner news-groups am Kern der Sache vorbei: > >Was ist eigentlich der Sinn von News? > >Nach dem was ich so mitbekommen habe (wenn es nicht stimmt, dann >betrachtet den Rest des Artikels als gegenstandslos), ist News bzw. >das zugrundeliegende Netz zu dem Zweck geschaffen worden, dass >Wissenschaftler der ganzen Welt auf einfache und schnelle Weise >miteinander kommunizieren koennen, richtig? Dass diese Kommunikation Sorry, falsch. Insofern koennten wir den Rest in der Tat vergessen, wenn ich nicht der Meinung waere, dass Du gleichwohl einige wichtige Fragen angeschnitten hast. Dazu weiter unten. Zur Definition von USENET ein Zitat aus Anderson/Costales/Henderson, UNIX(r) Communications, Indianapolis 19(87,88)91, S.(138) 215 (Zahlen in Klammern beziehen sich auf die 1. Auflage, unauthorized translation by myself): "USENET kann am besten beschrieben werden als eine Art alternatives Netzwerk (a kind of grass roots network) basierend auf kontrollierter Anarchie. Im Unterschied zu den formalen Computernetzwerken, wie sie vom Verteidigungsministerium und anderen Regierungsbehoerden sowie grossen Firmen betrieben werden, viele von ihnen seit Jahren, enstand und wuchs USENET von Anfang an (USENET grew from the ground) ohne eine formale Struktur." In der Tat ist USENET (resp. netnews) als eine Sammlung von Shellskripten entstanden, mit denen zunaechst (1979) der Informationsaustausch zwischen der Duke University und der University of North Carolina ermoeglicht wurde. Schon nach kurzer Zeit haben sich nicht nur weitere Universitaeten, sondern auch Firmen, Organisationen und Privatleute, zunaechst fast aus- schliesslich aus dem Bereich der UNIX-Benutzergemeinde, daran beteiligt. USENET war zu keiner Zeit ein Regierungsprojekt oder eine formal administrierte wissenschaftliche Institution. Gerade das macht (im Unterschied zu formalen Netzwerken) seine Staerke und Flexibilitaet aus. Nochmal das zitierte Werk - S. 224 (146): "In einem sehr realen Sinn ist USENET ein Marktplatz der Ideen. Und im allgemeinen ist es ein Marktplatz der einen hohen Grad an Freiheit ge- waehrt und dafuer ein vernuenftiges Mass an Verantwortung und Hoeflich- keit erwartet." >Die Poster, die sich hier so fuerchterlich ueber Zensur etc. aufregen, >sollten vielleicht mal darueber nachdenken, wie gross das Verhaeltnis von >(Be)Nutzern zu Finanzierern ist: Jeder Steuern zahlende Bundesbuerger >traegt dazu bei, dass News, bzw. das Netz existiert. Sofern das den >arbeitsabhaengigen Teil betrifft, duerfte dafuer auch jederzeit die >allgemeine Zustimmung vorhanden sein. Was den arbeitsunabhaengigen Teil >angeht, so sollte man davon ausgehen, dass, solange dieser Teil nicht den >Gesamtbetrieb derart stoert, dass ein sinnvolles Arbeiten mit diesem >Medium nicht mehr moeglich ist (zu lange Antwortzeiten, mangelnder >Plattenplatz (ja, sowas kommt auch in reichen (hahahahaha!!!) Universitaeten >vor)), seine Existenz geduldet wird. Das mit den "reichen Unis" war sicher daneben. Gerade heute sind die Mittel an den Unis sicher knapp und die wuenschenswerte neue Platte laesst auf sich warten ebenso wie die Buecher in den Instituten etc. Dass die Buerger mit ihren Steuern die Universitaeten, die Stipendien der Studenten (nicht nur waehrend der Vorlesungszeiten) usw. finanzieren, stimmt. Solange die Uni- versitaeten ihren Lehr- und Forschungsauftrag erfuellen, ist das auch ok. Und wenn man das USENET nur als ein Mittel des wissenschaftlich-techni- schen Informationsaustauschs betrachtet, kann man alle nichttechnischen Gruppen, auch soc.culture.* *.politics.* talk.* etc. (einschschliesslich soc.women, soc.feminism usw.) als Luxus und Geldverschwendung ansehen. Betrachtet man hingegen dieses Medium als eine hochinnovative Form grenz- ueberschreitender Kommunikation, zieht das Argument nicht mehr. Die Uni- versitaeten haben die Innovation auf den von ihr beackerten Bereichen zu foerdern (d a f u e r kriegen sie das Geld naemlich - neben der Berufsaus- bildung von Studenten auch). Dass grosse Teile des USENET fuer Sozial- und Medienwissenschaftler interessanter sind als fuer Informatiker, ist eine ander Sache und habe ich schon erwaehnt. Das USENET bietet - gerade durch seine informelle Struktur - Moeglichkeiten der Feldforschung und -beobachtung fuer eine ganze Reihe von Wissenschafts- gebieten, die das zum Teil noch gar nicht entdeckt haben. Diese Bedeutung duerfte in den naechsten Jahren zunehmen. Nur zur Anmerkung: Das zitierte Buch nennt eine weltweite Leserschaft des USENET von 250.000 (1987). Heute sind wir bei zwei Millionen, in 4 oder 5 Jahren vielleicht bei 20 oder 50 Millionen. Wenn Sozialwissenschaftler die Leserschaft des USENET einmal (auf Grundlage von Umfragen/Stichproben) erforscht haben, koennen sie auf Basis dieses Samples weltweite Meinungsbilder zu einem Hundertstel der gegenwaertigen Kosten ermitteln. Fuer das Geld kann sich jede Uni einen Haufen neuer Gigabyte-Platten leisten, auf denen der Traffic von Monaten gespeichert werden koennte (Die USENET-Beteiligung steigt immer noch langsamer, als die Kosten der Speichermedien sinken, btw.). >Wir Benutzer koennen aber nicht erwarten, dass fuer unser persoenliches >Hobby (dazu zaehlen auf jeden Fall alt.sex.binaries.... und sicher auch >alt.sex) jeder Steuerzahler seinen Beitrag leistet (es gibt mit Sicherheit >genuegend Bereiche, in denen dieses Geld sinnvoller verwendet werden koennte, >aber das ist ein ganz anderes Thema). Was wuerden die meisten hier wohl >dazu sagen, wenn ein Soldat seinen Tornado dazu benuetzte, einfach seine >Verwandten in US zu besuchen? Aber niemand sagt was dagegen, dass ich meinem Hobby Geschichte und Sozial- wissenschaften (sogar als Nicht-Uniangehoeriger) durch Besuch von Uni- und Institutsbibliotheken froene. An Yank-Unis gibt es schon freien Access zu Gastaccounts (zu nichtkommerziellen Zwecken) fuer jede/n interessierte/n Buerger/in, teilweise mit ftp und telnet. Dahin muessen wir kommen, dass Unis Motoren innovativer Kommunikationsstruk- turen werden - und das nicht nur fuer Studis. Ich moechte auch darauf hinweisen, dass das UNIX (tm :-)) Betriebssystem durch die Spielwut einiger Freaks an den Bell-Labs zustande kam, nicht durch bierernste "Arbeit" und Forschung auf der Basis von Genehmigungen und Bewilligungen, und auch das ist ein nicht unbedeutender Teil der Innovation auf dem EDV-Sektor. > >Wenn der Oeffentlichkeit bekannt wird (wie im Emma-Artikel geschehen), >dass es gewisse *Ungereimtheiten* bei der Benutzung von News gibt >(die Wertung dieser Gruppen steht mir nicht zu, darum geht es auch >gar nicht), so ist es sogar die Pflicht der zustaendigen Organe, Behoerden, >Kontrollinstanzen, herauszufinden, was tatsaechlich passiert (ist). >Sollten diese zu dem Schluss kommen, dass das Geld nicht seiner >Zweckbestimmung entsprechend verwendet wird, ist die Gefahr gross, dass >nicht die Einhaltung der Zweckbestimmung sichergestellt wird, sondern >dass das Geld einfach gestrichen wird (wenn die Wissenschaftler nicht in >der Lage sind, mit ihnen anvertrautem Geld sinnvoll umzugehen, dann wird >es halt woanders verwendet (ob sinnvoller, sei mal dahingestellt)). > Die Gefahr sehe ich auch. Ich halte aber die Schlussfolgerung fuer falsch. Man muss klar machen, dass es hier nicht um den Versuch gehen kann, entweder das USENET in ein stinklangweiliges Informatik-Journal zu verwandeln (was auch scheitern wird). Ein Abklemmen der Unis von den News wird nicht die News verschwinden lassen, sondern die Provinzialitaet der Unis foerdern und der wissenschaftlichen Innovation nicht nur in der Informatik Schaden zufuegen. In zehn Jahren, wenn die weltweite gesellschaftliche Relevanz dieses Mediums unuebersehbar sein wird, wird es dann mit Trara und oeffent- lichen Mitteln den Unis wieder zur Verfuegung gestellt, nur dass dann die seit dem Ende des 2. Weltkrieges andauernde Mittelmaessigkeit und Provinziali- taet des deutschen akademischen Lebens wieder einmal unter Beweis gestellt ist. Die Pionierarbeiten und Know-Howvorspruenge auf dem Gebiet der weltwei- ten elektronischen Kommunikation werden dann woanders erreicht sein, die qualifizierten Leute, die sich unter EDV was anderes vorstellen, als einen Antrag auf Protokollaenderung in OSI-Layer 7, Unterabschnitt 3.25 in dreifacher Ausfertigung mit Stempel einzureichen, werden woanders arbeiten. >Die Medien? > >Da die Medien der Erfahrung nach nicht in der Lage (oder Willens) sind, >einen komplexen Sachverhalt wie News der Oeffentlichkeit sinnvoll >darzustellen, liegt die Verantwortung dafuer, dass das Kind nicht mit dem >Bade ausgeschuettet wird, bei den (Be)Nutzern UND den Administratoren. >Da es sich bei den Benutzern um eine fast ebenso heterogene Gruppe handelt, >wie bei der Gesellschaft, kann man bei diesen ebensowenig davon ausgehen, >dass sie das Problem von selbst in den Griff bekommen, wie man davon ausgehen >kann, dass die Gesellschaft sich mit diesem Problem objektiv auseinandersetzt. Nach Deiner Schlussfolgerung bleiben nur die Administratoren als Traeger der hoeheren Weisheit. Ich bin dagegen der Meinung, dass die Administratoren, selbst die Informatik als ganze, damit ebenfalls ueberfordert sind. Denn Erforschung gesellschaftlicher Relevanz von Technologie und Medien ist keine primaere Aufgabe der Informatik. Dass meine (Ex-)Kollegen Sozialwissenschaftler, Medienwissenschaftler, Psychologen pipapo in Sachen EDV immer noch im Tiefschlaf liegen, wundert mich nicht (Sie haben wohl grade den PC und den Atari als Replacement der Schreibmaschine entdeckt). Es waere aber Zeit, sie aufzuwecken und von dort Unterstuetzung zu verlangen. Zugegeben, dass in der Ecke auch mit Technikfeindlichkeit und Vorurteilen zu rechnen ist, aber trotzdem.. > >Fazit? > >Aus diesem Grund sollte man das Sperren der news-groups in Stuttgart >vielleicht unter dem Aspekt der Schadensbegrenzung verstehen, denn es wird >mit Sicherheit irgendwann einmal jemand auftauchen und nachpruefen, was >in News alles passiert. Und ich denke, es ist allen klar, dass unter solchen >Umstaenden eine objektive Betrachtung nahezu ausgeschlossen ist, denn es >gibt hunderte von Gruenden, die eine Abschaffung von News ermoeglichen, >aber es gibt nicht viele (dafuer aber um so gewichtigere) die fuer seine >Erhaltung sprechen. Jemand, der News ueberprueft und anschliessend verbietet, >wird mit Sicherheit ein ueberwiegend positives Echo finden, wer es >bestehen laesst, wird einen gewaltigen Aerger bekommen, so bald auch nur >etwas Anruechiges bekannt wird. > Ich stimme Dir voellig zu, dass die News-Sperrungen haeufig unter diesem Aspekt (retten, was zu retten ist) durchgefuehrt werden. Ich bin auch der letzte, der hier die boesen Administratoren beschimpft. Ich bin nur der Meinung, dass diese defensive, angstbeladene Haltung grund- falsch ist. Die Informatikfachbereiche und Rechenzentren haben allen ver- dammten Grund, stolz zu sein, dass sie in eigener Initiative ein Medium wie das USENET mit seinen immensen Moeglichkeiten fuer Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft eingefuehrt und den Universitaetsangehoerigen zugaenglich gemacht zu haben. Die richtige Methode waere m.E., hierfuer Werbung zu machen und Mittel zu fordern sowie andere Fachbereiche auf die Moeglichkeiten des Mediums hin- zuweisen und ihre (auch finanzielle) Beteiligung zu fordern und zu foerdern. Die Tatsache, dass zu 0.was % fragwuerdiger Kram in diesem Medium rumfliegt, kann offen und ehrlich zugegeben werden. Deswegen auf dieses Medium zu ver- zichten, waere aehnlich hirnrissig wie die Unis wegen ihrer Klosettsprueche abzureissen. regards, es
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