Article View: dnet.mod-ki
Article #469Maerchen
From: Hans-Werner Hein
Date: Wed, 04 Oct 1989 17:59
Date: Wed, 04 Oct 1989 17:59
82 lines
5532 bytes
5532 bytes
From: mueller@uklirb.uucp
To: mod-ki@unido.uucp
Date: Thu, 28 Sep 89 15:04:10 MET
Subject: Maerchen
Keywords: Berichte
mod-ki message 0304
************************************************************************
Die Unglaublichen Begebenheiten auf Schloss Eringerfeld.
========================================================
Zu Eringerfeld ward eine Staendeversammlung anberaumt und viele
Untertanen des KI-Imperiums kamen...und warteten. Der Vizekoenig,
eigentlich ein umgaenglicher und kaum aus der Ruhe zu bringender Mensch,
hatte die Lektuere "Ueber den Uhmgang mit dem Volke und das
Maennaetschment in unserem Reyche", die unabdingbar fuer jeden Regenten
ist, gut studiert. Der Vorschlag fuer diese Situation lautete, das Volk
unter Hinweis auf wichtigste Aufgaben warten zu lassen. Dies trage dazu
bei, dass die Streitsucht verblasst und die Unwichtigkeit der Masse
explizit gemacht wird. Dennoch, sie kamen. Angefuehrt vom neuen Magier
der Reiches, Gill von der gueldnen Schatulle. Der Vizekoenig
entschuldigte sogleich den Koenig, der in wichtiger Mission beim grossen
Bruder weilte. Dann betrat der Magier das Podest und teilte dem Volke
mit, dass die koeniglichen Schatullen nahezu geleert waeren und desshalb
in Zukunft das Doppelte der Steuern zu berappen waere. Natuerlich nicht
fuer Jedermann und eigentlich rechne sich der Mehrbetrag recht einfach,
wenn man etwas weniger essen wuerde. Der Grund dafuer sei die
koenigliche Zeitung, die das Volk schon vor zwei Jahren nicht haben
wollte, aber trotzdem bekam. Ueber den Sinn und Unsinn der Zeitung wolle
man sich nicht mehr unterhalten, dies war ja eben vor zwei Jahren
ausfuehrlich geschehen. Man muesse den Tatsachen ins Auge sehen und das
heisst, dass die Zeitung auch in den naechsten zwei Jahren erscheinen
wird und bezahlt werden muesse. Solidaritaet ist angesagt. Das Volk ward
beeindruckt und keiner traute sich etwas zu sagen. Die Argumente
schienen zu ziehen und wohl auch der letzte, der darueber nachgedacht
hatte das Reich wegen der katastrophalen Zustaende zu verlassen, schien
ueberzeugt und von seinen innersten Gefuehlen geleitet, bereit das Opfer
zu tragen. Dann trat Thomas, genannt der Wahrheitsliebende (manche
nennen ihn auch "der der immer die Karten verraet"), vor das Volk. Er
erzaehlte von einer Umfrage. Etwa jeder Fuenfzehnte im Reich wurde
gefragt, wie ihm die Zeitung gefiele. Das Ergebnis war ueberwaeltigend.
Ueber die Haelfte (das waren so ziemlich alle die ueberhaupt geantwortet
haben) gaben an, dass die Zeitung ganz toll waere. Da die anderen nicht
antworteten, muesse man annehmen, dass ihnen die Zeitung ebenfalls
gefalle. Und damit erhaelt man ueber Extrapolation eine 100 prozentige
Akzeptanz dieses Mediums. Ergo, die zweite, noch volle Schatulle des
Magiers muesse nicht angegriffen werden.
Schweigen.......betretene Gesichter.....Unruhe......Aufruhr
Selbst die Landesfuersten erhoben sich von den Stuehlen. Eine zweite
Schatulle? Voll des Goldes? Man hat uns genarrt! Der Vizekoenig war der
Ohnmacht nahe, der Magier ergreift das Wort. Nein, Nein. Das habe man
missverstanden. Es gibt zwar noch eine zweite Schatulle, aber die muss
fuer andere Zwecke gebraucht werden. Er habe auch nur argumentiert, dass
der Staat bankrott waere, falls ........ und somit sei seine Aussage
sehr wohl wahr und im uebrigen wuerde er jeden auf sein Zimmer
begleiten, dem noch etwas unklar waere. Jetzt solle man aber zufrieden
sein. Das Volk und auch die Fuersten waren es nicht!
Die letzte Strophe des Liedes liest sich so:
Das Volk hat keine Chance das Blatt zu wenden, Entscheidungen werden von
der Regierung getroffen, also sind Abstimmungen sinnlos (Im uebrigen
wuerden die 200 Anwesenden ja auch kaum die 4000 Einwohner
repraesentieren. Der Gedanke an sich, welch eine Anmassung). Der
Vizekoenig war sichtlich genervt, was sich dadurch zeigte, dass die
Aufforderung nach konstruktiven Vorschlaegen (die herzlich willkommen
seien) nichts mit seinem Gesichtsausdruck zu tun hatte. Den Fuersten war
aeusserst unwohl in ihrer Haut, da sie jede Entscheidung mittragen
muessen.
Die eigentliche Hauptfigur in dem Spiel, naemlich der fruehere
Magierkoenig aus den Nordlanden, hatte sich zwei Stunden vor der Sitzung
verdrueckt. Er muss ja auch keine Verantwortung mehr tragen. Seine
einzige Aufgabe die ihm im Reich geblieben ist, ist die (unentgeltliche,
wie man sagt) Mitherausgeberschaft ebendieser Zeitung.
THE END
Moral:
Welch ein Glueck, dass die Zeit der Koenige, Magier und Fuersten laengst
vorbei ist. Wir leben heute in einer freien Demokratie. Keine
willkuerlichen Steuererhebungen und keine getuerkten Bankrotterklaerung
von Politikern. Wenn uns etwas nicht passt koennen wir immer etwas
dagegen tun. Immer????
Euer Maerchenerzaehler, Juergen Mueller
************************************************************************
Technical Details
Message-ID:
<639@unido.UUCP>Path:
arc1-ca.pugleaf.net!gmdzi!unido!mod-kiShow Full Headers
Complete Article Headers
X-Google-Language: GERMAN,ASCII-7-bit X-Google-Thread: 1684e7,7ef0dbad73f969ce,start X-Google-Attributes: gid1684e7,public X-Google-ArrivalTime: 1989-10-04 14:46:32 PST Path: arc1-ca.pugleaf.net!gmdzi!unido!mod-ki From: mod-ki@unido.UUCP (Hans-Werner Hein) Newsgroups: dnet.mod-ki Subject: Maerchen Keywords: Berichte Message-ID: <639@unido.UUCP> Date: 4 Oct 89 17:59:53 GMT Reply-To: mueller@uklirb.uucp Distribution: dnet Organization: Institut fuer Roboterforschung (IRF), Uni Dortmund Lines: 82 Approved: mod-ki@unido.UUCP (Hans-Werner Hein) Posted: Wed Oct 4 18:59:53 1989