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Article #12429

Re: GAU in Frankreich...

#12429
From: Henning Schmiedehausen
Date: Wed, 05 May 1993 10:03
162 lines
9191 bytes
In article <1993May3.093522.1084@luthien.in-berlin.de>, Olaf Wagner writes:

> Da hier sonst kaum jemand die comlink (cl) Hierarchie zu lesen scheint,
> poste ich hier einfach mal zwei Artikel aus cl.atom.akw, die ein
> wenig mehr Information enthalten, in der Annahme, dass es einige
> interessiert. Hier gleich der erste:
> (Er ist dummerweise ziemlich unleserlich in Spalten gesetzt.)

Ja. Du solltest das naechstemal Dir Gedanken ueber 'umformatierung' machen.

 Vorabdruck aus der Erlanger Stadtzeitung
 WAS LEFFT Nr. 139 Mai/Juni 1993
 Nachruck gegen Belegexemplar frei.
 Nichgt formatierte Version auf Anfrage

 Kontakt:
 Was Lefft,
 Feldstrasse 22,
 W-8520 Erlangen
 Fax 09131 - 205020


                      Marseille sehen und dann sterben-

                 Franzoesiche Atomwissenschaftler basteln an

                             zweitem Tschernobyl

50km  noerdlich  von  Marsaille in Bouches-du-Rhone soll zu Forschungszwecken
ein  schwereres  Atom-  Unglueck  als  in  Tschnobyl  herbeigefuehrt  werden.
Natuerlich  ist  alles  durch  mehrfache  Schutzhuellen  gesichert.  Kritiker
halten  die  Versuche  fuer  gefaehrlich,  selbst  der  Leiter des Projektes,
Maurice  Haessler,  haelt  die  Versuche nur fuer "sicher, aber nicht absolut
sicher".  Bisher regt sich kaum Protest, die deutschen Massenmedien schweigen
mit  Ausnahme  der  taz, obwohl die Meldung ueber die Deutsche presse Agentur
dpa lief.


Im  Atomforschungszentrum  Cadarache,  50km  noerdlich  von  Marsaille planen
Atomwissenschaftler  ein  "Super  GAU  Experiment".   Im  14 Jahre alten Ver-
suchsreaktor  "Phebus"  soll  nicht  nur  der  Kern  schmelzen,  sondern auch
saemtliche   Sicherheitssysteme   ausfallen.    Waehrend   sich  der  atomare
Brennstoff  auf  ueber  2500 Grad erhitzt, sollen Messgeraete erforschen, was
bei  einem  solchen  "Super-  GAU" passiert.  Die an "M.  LEFFT, WAS" gefaxte
Pressemitteilung  erlaeutert  freimuetig  das  Umfeld der geplanten Versuche.
Die  Unfaelle  von  Harrisburg  und  Tschernobyl  haetten  die  Notwendigkeit
gezeigt,  ueber  die  Ablaeufe  bei schweren Atomunfaellen besser Bescheid zu
wissen,  insbesondere  ueber das Verhalten der freigesetzten Radioaktivitaet.
Seit  10  Jahren  liefen  Experimente  dieser Art, eines davon in Deutschland
unter   dem   Namen   SASCHA.    Nun  sei  man  so  weit,  in  einem  kleinen
Forschungsreaktor  alle Komponenenten eines solchen Unfalles zu "simulieren".
Neu  sei  auch,  dass  bereits  bestrahlte  Brennelemente  verwendet wuerden.
(Diese  enthalten  eine  Vielzahl  radioaktiver Spaltprodukte).  Wenn bei den
Versuchen   "nichts   passiert",   bleibt  die  Radioaktivitaet  in  diversen
Druckbehaeltern  gefangen.  Falls einer dieser Behaelter oder eine dazwischen
liegende   Rohrleitung   versagt,   bleibt  als  "Sicherheit"  nur  noch  das
"Containment",  d.h.   eine Betonhuelle.  Nach den Versuchen soll der Reaktor
zerlegt  wrden,  um  seine  Teile  zu  untersuchen.  Dabei duerfte eine Menge
Radioaktivitaet  in  die aeussere Huelle gelangen, falls sie nicht einfach in
die Umwelt entlassen wird.

                                 Was ist ein
                             Kernschmelzunfall ?

Etwas,  das  es  bis  Tschernobyl  offiziell  gar nicht geben konnte.  Damals
hatten  die  Atomexperten  definiert, dass der "groesste anzunehmende Unfall"
(GAU) darin bestehe, dass die Kuehlwasserleitung reisst, das Kuehlwasser samt
darin  enthaltenen  radioaktiven  Stoffen  verdampft,  und so der Reaktorkern
nicht  mehr  gekuehlt  wird.   Nach deutscher Sicherheits"philosophie " kommt
dann  die Atomspaltung zum Erliegen, da sie die Anwesenheit eines Stoffes wie
z.B.    Wasser  zwischen  den  Brennstaeben  voraussetze.   Wasser  soll  als
sogenannter "Moderator" die ausgeschleuderten Teilchen soweit abbremsen, dass
sie weitere Atomkerne spalten koennen.  Bei den neuen plutoniumhaltigen MOX -
Brennelementen ist das uebrigens nicht mehr ganz so klar, denn Plutonium kann
auch  von  schnellen  Teilchen  gespaalten  werden,  und braucht deshalb kein
Wasser  fuer  die Kern- spaltung.  Der ungekuehlte Reaktorkern habe zwar eine
hohe  "Restwaerme", aber das sei technisch beherrschbar.  Ein Unfall, bei dem
der Reaktorkern so heiss wird, dass er schmilzt, hiess Super - GAU, und wurde
als  unmoeglich  angesehen.   Bis  in Tschernobyl der Reaktorkern schmolz und
sich  durch  mehrere Stockwerke des Gebaeudes frass.  Wenn der Reaktorkern so
heiss  ist,  dass er schmilzt, dann schmilzt auch alles unter ihn.  Daher die
amerikanische  bezeichnung  "China - Syndrome".  Das kann so weit gehen, dass
der  Kern  im Boden versinkt, bis er das Grundwasser erreicht.  Dann kommt es
zu  einer  gewaltigen Dampfexplosion, bei der die Teile des Reaktorkernes und
die eingeschlossene Radioaktivitaet in der Umwelt verteilt werden.

                        "kontrollierte Kernschmelze"

Tschernobyl  war ein Fall, in dem die Kernschmelze "kontrolliert" blieb, denn
der   geschmolzene   Reaktorkern   erreichte   das  Grundwasser  nicht.   Die
Radioaktivitaet  aus  dem  Reaktorkern gelangte aber auf an- derem Weg in die
Umwelt.  Der Begriff kontrolliert ist mit anderen Worten Augenwischerei.

                       Experimente auch in Deutschland

Auch  in  Deutschland  gibt  es  solche  Versuche:   Im Kernforschungszentrum
Karlsruhe  findet  ein  "Sicherheitsexperiment  mit  Nachbildungen russischer
Kernreaktor  - Brennelmente" statt.  Dort soll in der Versuchsanlage CORA ein
Unfall  simuliert  werden,  bei  dem  es durch Kuehlmittelverlust zu schweren
Kernschaeden  kommt.   Brennelemente  eines russischen Reaktors vom Typ WWER-
1000  sollen  Bedingungen  unterworfen  werden,  wie  sie  bei  Beginn  eines
Kernschmelzunfalles  auftreten.   Das  be- deutet, dass die Brennelemente auf
2000  Grad  aufgeheizt werden.  Dabei bildet sich Wasserstoff, der bei dieser
Temparatur explodiert, sobald Luft dazutritt.  (Auch in Tschernobyl gab es am
Anfang  der  Katastrophe eine Wasserstoffexplosion) Nach der Pressemitteilung
des  Kernforschungszentrums  Karlsruhe  wurden solche Experimente bereits mit
Brennele-  menten  westlicher Druckwasserreaktoren durchgefuehrt.  Dabei habe
sich  gezeigt,  dass eine Ueberschreitung der "Auslegungstemperatur" von 1200
Grad  nicht  zwangslaeufig  zu  einer  unkontrollierten  Kernschmelze fuehren
muesse.   Es  lohnt sich, diesen Satz zweimal zu lesen:  Eine Ueberschreitung
von   1200   Grad   fuehrt   nicht   "zwangslaeufig"  zur  "unkontrollierten"
Katastrophe.   Die  Kata- strophe kann also auch mal in "kontrollierter" Form
auftreten.  (s.o)

                   Wozu der deutsche Super GAU- Versuch ?

Nach  Tschernobyl  ist  genug  Zeit  ins  Land  gegangen, um die Atomkraft in
Deutschland  wieder  salonfaehig  zu machen.  Nach dem Schock von Tschernobyl
muss  einiges zur Imagepflege getan werden.  Wichtig ist dazu, den Unfall von
Tschernobyl   als   Folge  "fehlender  westlicher  Sicherheitsmassnahmen"  zu
verkaufen.  Dies insbesondere, da die deutsche Atomindustrie


Reparaturauftraege  fuer  Ost  -  AKW's  an  Land ziehen moechte.  Dass diese
Nachruestung etwas bringt, muss also wissenschaftlich untermauert werden.  In
der  Pressemitteilung  des  KfK  wird  diese Absicht ganz offen ausgesprochen
(Zitat):   Gerade  fuer  den  WWER  Reaktortyp  gibt  es  aus deutscher Sicht
interessante  Perspektiven  zur  Verbesserung  der  Sicherheitsreserven.  Die
franzoesische   Atommafia   ist   da  schon  ehrlicher:   Sie  erforscht  den
"undenkbaren"  Super  -  GAU,  und will als naechsten Schritt Experimente zur
Sanie-  rung  verseuchter Boeden und Oberflaechen veranstalten.  Wissenschaft
zur Gewoeh- nung an das Undenkbare ?


Quellen:

Hinweise   von    Andre
Brimont, NADESHA.ZER
(Dankeschoen)
taz 18.3. 93 S.6
VDI   -    Nachrichten,
29.1.93, S.19
New   Scientist   1851,
12.12.92, S. 22
IPSN,   �Le   Programme
Phebus PF�
KFZ          Karlsruhe,
presseinformation 5/93


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		Henning



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