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Article #22

Re: was haltet Ihr von Psychogonen

#22
From: Rudolf Ladwig
Date: Thu, 28 Aug 1997 00:00
166 lines
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Martina Muck am 26. 08. 1997:
> R.LADWIG@NADESHDA.gun.de am 23.08.97
> > Was soll eigentlich an einem Mutters�hnchen vorbildlich sein, das
> > st�ndig eilig umherzieht; sich zwar von reichen Frauen aushalten l��t,
> > aber mit Frauen sonst nichts zu tun hat; ein Wunderheiler, der
> > Teufelsaustreibungen bei psychisch Kranken vornimmt; die Zeitgenossen
> > verflucht, die schon damals seine Wunder nicht glauben; Feigenb�ume
> > verdorren l��t, weil sie ihm zuliebe keine unzeitgem��e Frucht tragen;
> > sozial niedrig gestellte Ausl�nder beschimpft, sozial Hochgestellte
> > hofiert; im Tempel randaliert; fast einen antir�mischen Aufstand
> > provoziert; das nahe Weltenende verk�ndet; fast jeden Satz mit ICH
> > einleitet; seine Kompromi�unf�higkeit zum M�rtyrertod stilisiert; das
> > Weltende f�r kurz nach seinem Tod prophezeit und Gott zu erpressen
> > versucht?
> Wo hast Du dieses Jesus-Bild her?
Lies doch mal die vier Evangelien!


> > Wenn Du jetzt unterstellst, er sei nicht Mensch, sondern Incarnation
> > GOTTES gewesen, als w�re das dann alles plausibel, ja was f�r ein
> Weisz nicht, hab ihn nicht getroffen. Aber Inkarnation Gottes ist
> vielleicht sowieso etwas miszverstaendlich - soweit ich das mitgekriegt
> hab, geht es um die Offenbarung Gottes durch Jesus, den Logos, +
> wahrhaftig "Gottes Sohn" soll er ja dann auch nur die letzten 3
> Lebensjahre gewesen sein.
Das sehen die christlichen Kirchen aber anders!

> Es gibt da ja einen Unterschied zwischen Jesus + Christus, nicht?
Eine gewaltigen. Der eine hat vielleicht gelebt, der andere ist eine gegen
Maria Magdalena gerichtete Erfindung von Paulus.

> > Gottesbild setzt Du da voraus?
> Gar keines. Da finde ich das Gebot "Du sollst dir kein Bild machen"
> schon ganz sinnvoll, wenn es um *den* Gott geht.
Nee, ich schau da lieber sehr genau hin, welche Ethik da im AT und NT  
transportiert wird.

> > > > > Letztendlich lebt jeder in seiner eigenen Realitaet - ich hatte
> > > > > z.B. mal eine Phase, wo ich keine Farben mehr wahrgenommen hab,
> > > > > gab es einfach fuer mich nicht, alles Grau in Grau.
> > > > War das eine Angelegenheit der Augen oder der Psyche?
> > > Letzteres.
> > Wie hast Du das ge�ndert?
> Weisz nicht, es ist mit meinen Depressionen entschwunden.
 :)

> > > > Genau umgekehrt wird ein Schuh draus: Mit dem Wegfall der religi�sen
> > > > Tabus und der Beschr�nkung des Wissens auf eine elit�re
> > > > Priesterkaste,
> > > Ich rede auch nicht von Dogmatismus!
> > Ich rede von dem anscheinend grenzenlosen Bed�rfnis nach Unterordnung
> > unter eine Autorit�t, statt der �bernahme von Selbst-Verantwortung.
> Und Du meinst, da ist es besser, wenn sich die Menschen der Wissenschaft
> + "der Vernunft" oder "dem Staat" + seinen Institutionen oder der freien
> Marktwirtschaft unterordnen?
Ich zitiere mal :
"Aufkl�rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten  
Unm�ndigkeit. Unm�ndigkeit ist das Unverm�gen, sich seines Verstandes ohne  
Anleitung durch einen anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese  
Unm�ndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes,  
sondern der Entschlie�ung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung  
eines anderen zu bnedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines _eigenen_  
Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl�rung."

> Wo ist da so gesehen nun eigentlich der
> Unterschied, ob z.B. jemand sich vom Priester Segen kauft oder 'ne
> Lebensversicherung abschlieszt?
Der Prister kassiert nur, die Versicherung mu� auszahlen.

> Oder ob der Durchschnittsbuerger weise
> ueber wissenschaftliche Erkenntnisse schwadroniert, bei denen er im Grunde
> nicht den geringsten Durchblick hat, oder ob was als "Geheimwissen"
> deklariert wird? Oder ob wir so tun, als gaebe es keine Tabus, uns aber an
> jeder Ecke best. Verhaltensnormen unterwerfen?
Das ist eine rein assoziative Behauptungskaskade. Was ist Dein sachliches  
Argument?

> > Lies mal den 'Romantiker' E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. (Die 'Frau' als
> > Projektion des Mannes.) Ist eigentlich ein Buch f�r Feministinnen. Es
> Ich hab noch nie ein Buch fuer Feministinnen gelesen - wenn ich mich
> dann infiziere, bist Du dran schuld. ;)
Doch nicht bei so einem alten Schm�ker! Au�erdem, was w�re denn daran so
schlimm?

> > Was wird der Aufkl�rung seitens der Romantiker vorgeworfen: Vernunft,
> > Verstand, Gef�hlsk�lte, Lauheit, Erfurchtslosigkeit, Neuerungssucht,....
> > Was setzen denn die Romantiker als neue Diskursdispositive ein: Gott,
> > Vaterland, gesetzlicher Sinn, echte Taten, Wunder, ...
> Ist mir zu schubladenhaft - was willst Du damit sagen?
Die Romantik hat der Irrationalit�t im allgemeinen und dem Nationalismus  
im besonderen Vorschub geleistet.

> > > > Deine Klage gef�hrt. Und ja auch das M�rchen wiederentdeckt! Ist Dir
> > > > bewu�t wieviel Verschl�sselung und Verdr�ngung in M�rchen stecken?
> > > > Vor
> > > Wieso Verdraengung?
> > Reale Geschichte, also u.a. der Wandel von Normensystemen, wird zur
> > Typologie ewiglich menschlich-gleicher Eigenschaften.
> Und? "Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild;
>       Ein armer Komoediant, der spreizt und knirscht
>       Sein Stuendchen auf der Buehn' und dann nicht mehr
>       Vernommen wird; ein Maerchen ist's, erzaehlt
>       Von einem Dummkopf, voller Klang und Wut,
>       Das nichts bedeutet."
Wer sagt das?

> > So wie Tieck aus Swifts politischer Satire ein Kinderbuch gemacht hat.
> Was fuer'ne Satire?
Gullivers Reisen.

> > BTW: Kennst Du die Sammlung moderner Wandersagen des Alltags von
> > Bredenich ('Spinne in der Yucca-Palme', usw.)?
> Nein.
Ich wette Du findest da Geschichten wieder, die Dir jemand als von eineR/m
Bekannten erlebt erz�hlt hat!

> > > Wieso sollte ich denn was widerlegen? Glaubenssaetze sind
> > > unwiderlegbar - waren das nicht Deine eigenen Worte? ;)
> > Es gibt also f�r Dich keinen Unterschied zwischen einer innerlichen und
> > damit intersubjektiv nicht �berpr�fbaren Glaubens�berzeugung und einer
> > nach den Regeln der Wissenschaft aufgestellten Theorie? Nicht das ich
> Doch. Ersteres braucht man zum Handeln, zweiteres kann man sich an die
> Wand haengen (bzw. als Orientierungshilfe benutzen).
Da h�ngen bei mir Bilder!

> > > > > Ich denke jedenfalls, wir nehmen uns da selber viel weg - jemand
> > > > > meinte z.B. auf diesen Text hin, man koennte ja auch unsere
> > > > > gesamte Realitaet als ein einziges kollektives Psychogon
> > > > > betrachten.
> > > > Dann ist der Begriff doch wieder sinnlos.
> > > Wieso?
> > Wenn alles gr�n ist ist nichts gr�n.
> "Eine rote Rose absorbiert alle Farben auszer Rot; Rot ist daher eine
> Farbe, die ihr nicht zukommt.
>
> Dieses Gesetz, Vernunft, Zeit, Raum, alle Begrenzung macht uns blind fuer
> die Wahrheit.
>
> Alles, was wir vom Menschen wissen, von der Natur, von Gott ist genau das,
> was sie nicht sind; es ist das, was sie als unvertraeglich von sich
> stoszen."
Wer sagt das?

> > > Ich sagte nicht, dasz jeder sich eine beliebige Realitaet schaffen
> > > koenne, ich sprach davon, dasz *wir* (kollektiv) Realitaet erschaffen.
> > > Wo kommt denn die Folterkammer her - ist die vom Himmel gefallen? "Die
> > > Hoelle ist nicht irgendwo - wir sind sie in Person."
> > Dann haben wir hier m.E. eine individuelle Verantwortung, die
> > notwendigerweise in der Welt auf dieselbe bezogen ist.
> Ja.
Dieses "ja" rahme ich mir ein!

> > > > Worauf gr�ndest Du diesen Glauben?
> > > Auf meinen Erfahrungen + Intuition. :)
> > Sch�n. Kommt dem, unbestritten seiner Relevanz f�r Dein Bewu�tsein,
> > au�erhalb desselben eine fa�liche Realit�t zu?
> Aber gewisz doch - frag einfach mal jemanden, der mich ertragen musz,
> wenn ich grad glaub, dasz alles scheisze ist. ;)
Ist das Liebe?


Rudolf

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From: R.LADWIG@NADESHDA.gun.de (Rudolf Ladwig)
Subject: Re: was haltet Ihr von Psychogonen
Date: 1997/08/28
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