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Article #33HINTERGRUENDE Nr.4: Kurdistan
From: Stefan Merten
Date: Tue, 26 Feb 1991 12:58
Date: Tue, 26 Feb 1991 12:58
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Kurdistan
Eine Landkarte von Kurdistan zu erstellen, oder gar Grenzen
festzulegen, ist eine \"au{\ss}erst schwierige Angelegenheit, denn
keine Karte des Gebietes zwischen dem Mittelmeer und dem
Kaspischen Meer, dem Schwarzen Meer und dem Persischen Golf
verzeichnet eine territoriale Einheit Kurdistans. Tats\"achlich
liegt Kurdistan in einem Gebiet, das jahrhundertelang wegen
seiner strategisch wichtigen Lage und sp\"ater wegen der
Entdeckung gro{\ss}er Erd\"ol- und anderer Rohstoffvorkommen das
Kampffeld verschiedener kolonialer M\"achte und Staaten um die
Vorherrschaft war und heute noch ist.
Die kurdische Geschichte
Wer sind die Kurden? Die Kurden sind ein altes Kulturvolk, das
eine indoeurop\"aische Sprache spricht und deren Urspr\"unge wir
bereits im 9. vorchristlichen Jahrhundert finden k\"onnen. Eines
der wichtigsten Daten der kurdischen Geschichte ist das Jahr 612
v. Chr.; hier beginnt die kurdische Zeitrechnung mit der
Eroberung von Ninive. In seiner jahrhundertelangen Geschichte
war das \"uberwiegnd sunnitische kurdische Volk schon immer
gezwungen, sich in allen Teilen Kurdistans durch (regionale)
Widerst\"ande gegen die Durchsetzung von Fremdherrschaft und
Kolonialismus zu wehren.
Die einschneidenste Teilung erfuhr das kurdische Volk jedoch
1916 mit dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen zwischen Briten und
Franzosen: Es wurde in vier Teile "zerlegt". In jedem Teil
Kurdistans wurde der Kolonialismus im Interesse der jeweiligen
Staaten \"okonomisch, kulturell und politisch durchgesetzt. Es
wurde bezweckt, das insgesamt rund 25 Millionen Menschen
umfassende Volk durch eine kolonialistische Aufteilungs-Politik
einer totalen Vernichtung auszusetzen.
Nach dem 1. Weltkrieg wurde 1923 die Teilung Kurdistans mit der
Festlegung der t\"urkischen Grenzen im Frieden von Lausanne
offiziell. Lediglich in einem Artikel wurde die T\"urkei
verpflichtet, die Rechte ihrer Minderheiten auf ihrem
Territorium zu garantieren. Dabei wurde das kurdische Volk nicht
einmal erw\"ahnt.
Noch im Jahr des Vertragsabschlusses verbot die t\"urkische
Regierung die kurdische Sprache und versah auch alle kurdischen
St\"adte, Berge, Fl\"usse usw. mit t\"urkischen Namen. Doch dies war
nur der Anfang eines gro{\ss} angelegten Assimilierungsprozesses,
der sich \"uber jedes V\"olkerrecht hinwegsetzte. In der T\"urkei gab
es offiziell fortan keine Kurden mehr, sondern nur noch die
sogenannten "Bergt\"urken". Da diese nun keine eigene Nationalit\"at
mehr darstellten, galten f\"ur sie auch die entsprechenden
Minderheiten-Festlegungen des Vertrages von Lausanne nicht mehr.
Kurdistan erlebte von 1920 bis 1980 eine Phase zahlreicher
Widerst\"ande, die beispiellos brutal niedergeschlagen wurden.
Neben Aufst\"anden in Nordwestkurdistan und in Ostkurdistan
(Simko-Aufstand) soll hier besonders der Barzani-Aufstand in
S\"udkurdistan erw\"ahnt werden. Von 1961 bis 1970 und von 1973 bis
1975 k\"ampfte das kurdische Volk in diesem Aufstand f\"ur ein
eigenes selbstst\"andiges Gemeinwesen. Nach einem ersten
Autonomie-Vertrag 1966 kam es 1970 zu einem zweiten, der 1974 in
Kraft trat. Der zweite Aufstand brach 1975 zusammen, nachdem die
iranische Regierung ihre Hilfe f\"ur die Kurden im Irak
eingestellt hatte. Bekanntlich vernichtete die irakische Armee
1988 5000 Kurden mit Giftgas.
Kurdischer Widerstand heute
Aber dies bedeutete nicht die v\"ollige Zerschlagung des
kurdischen Befreiungskampfes. Das kurdische Volk hat aus seinen
Niederlagen gelernt. 1978 wurde in Nordwestkurdistan die
kurdische Arbeiterpartei PKK (kommunistische Partei Kurdistans)
gegr\"undet, die am 15. August 1984 den bewaffneten Widerstand
gegen den t\"urkischen Staatsterror aufnahm. Im Gegensatz zur
sozialdemokratisch orientierten KOMKAR, die vor allem f\"ur die
kulturelle Autonomie innerhalb Nordwestkurdistans eintritt,
tritt die PKK f\"ur Unabh\"angigkeit und Freiheit ganz Kurdistans
ein. Damit vertritt sie am ehesten die Interessen des kurdischen
Volkes.
Durch den Guerillakampf der PKK ist das "Kurdistan-Problem" f\"ur
die Kolonialisten und ihre Verb\"undeten zu einem gro{\ss}en Problem
geworden, denn die PKK verst\"arkt heute die Einheit des Volkes
und versch\"arft den Kampf gegen den Kolonialismus in
Nordwestkurdistan. Das kurdische Volk bekennt sich wieder zu
seiner nationalen Identit\"at und steht im gro{\ss}en Volksaufstand,
dem der pal\"astinensischen Intifada vergleichbaren Serihildan.
Seit M\"arz 1990 richtet sich dieser Volksaufstand gegen Hunger
und Elend, gegen Massenverhaftungen, gegen Folter in den
Gef\"angnissen, gegen Zwangsdeportationen, gegen Unterdr\"uckung und
er fordert Freiheit und nationale Unabh\"angigkeit. An der
Volksaufst\"anden haben \"uber eine Million Menschen teilgenommen
und mit Parolen wie "Es lebe die PKK", "Nieder mit der
Unterdr\"uckung", "Freiheit f\"ur die Kurden" und "Vorw\"arts
Guerilla, Kurdistan den Kurden" deutlich gemacht, da{\ss} die PKK im
Volk verankert ist und gro{\ss}e Unterst\"utzung und Sympathien
genie{\ss}t.
Die Antwort der t\"urkischen Regierung war der Beschlu{\ss} der
Dekrets 413, welches Kurdistan faktisch unter Kriegsrecht
stellt. Die milit\"arische Gewalt wurde verst\"arkt, der bereits
bestehende Ausnahmezustand versch\"arft, D\"orfer niedergebrannt und
die Presse zensiert. Massendeportationen und Zwangsumsiedlungen
sind an der Tagesordnung. Kurdistan wurde von der
Welt\"offentlichkeit total isoliert.
Kurdistan in der Golfkrise
Ende August 1990, also kurz nach Ausbruch der Golfkrise, teilte
die T\"urkei dem Europarat in Stra{\ss}burg mit, da{\ss} sie die
Menschenrechte f\"ur Kurdistan suspendiert. Die
Menschenrechtsverletzungen nahmen daraufhin erschreckende Formen
an. Im Schatten des Golfkriegs versucht die T\"urkei nun sich mit
Hilfe ihrer Verb\"undeten ihres "Kurdenproblems" zu entledigen.
Sie erh\"alt dazu verst\"arkt milit\"arische, politische und
wirtschaftliche Unterst\"utzung von der USA und der EG. So werfen
z.B. die amerikanischen Flugzeuge auf dem R\"uckflug aus dem Irak
Bomben auf Nordwestkurdistan ab.
Seit Ende Dezember sind offiziell deutsche Soldaten in
Nordwestkurdistan stationiert. Die BRD ist somit im Golfkrieg
offiziell zur Kriegspartei geworden. Dazu ein Auszug aus der
Erkl\"arung der Europavertretung der PKK, der ERNK: "Aufgabe der
Bundeswehr ist es, eine zweite Front gegen den Irak aufzubauen.
In der T\"urkei werden ganz offen die aggressiven Kriegsabsichten
diskutiert, die Eroberung der irakischen \"Olfelder, die
Einverleibung von S\"udkurdistan (irakisch besetzt) durch die
T\"urkei. ... Als ERNK werden wir die Stationierung von
Kampftruppen der NATO, den Einsatztruppen in Kurdistan, als
direkte kriegerische Aggression gegen unser Volk bewerten und
die Soldaten der Einsatztruppen, die unser Land betreten, als
Feinde betrachten und mit Gewalt bek\"ampfen."
ViSdP: Hans Sander f\"ur Kaiserslauterer Friedensplenum, c/o
Stefan Merten, Buchenlochstr. 37, 6750 Kaiserslautern
Technical Details
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