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Article #35HINTERGRUENDE Nr.6: Die Vorgeschichte des irakischen Einmarschs
From: Stefan Merten
Date: Sun, 10 Mar 1991 17:31
Date: Sun, 10 Mar 1991 17:31
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Die Vorgeschichte des irakischen Einmarschs
Irakisch-kuwaitische Verhandlungen
Es war kein Zufall, da{\ss} Saddam Hussein seine Truppen
ausgerechnet am 2. August 1990 in Kuwait einmarschieren lie{\ss}, es
war die Reaktion auf das Scheitern der Verhandlungen mit Kuwait
am Vortag. In diesen Verhandlungen war es u.a. um den
kuwaitischen Diebstahl irakischen \"Ols aus dem \"Olfeld Rumalia
gegangen. Das \"Ol wurde von Kuwait in einem umstrittenen Gebiet
gef\"ordert, das die Kuwaitis w\"ahrend des iranisch-irakischen
Krieges besetzt hatten. Des weiteren ging es um zwei unbewohnte
Inseln, die Irak den Zugang zum Golf betr\"achtlich erleichtert
h\"atten.
Dar\"uberhinaus war der Irak bei Kuwait aus der Zeit des ersten
Golfkrieges mit 15 Mrd. Dollar verschuldet (insgesamt 80 Mrd.
Dollar Auslandsschulden). Der Irak versuchte eine
Schuldenstreichung zu erreichen mit der Begr\"undung, da{\ss} er im
Krieg gegen den islamischen Fundamentalismus auch f\"ur die
reichen \"Olscheicht\"umer und Kuwait gek\"ampft habe. Eine Ansicht
die von diesen L\"andern w\"ahrend des Krieges gegen den Iran
auch st\"andig bekr\"aftigt wurde.
Saddam Hussein hatte Kuwait auch schon l\"anger des
Wirtschaftskriegs gegen den Irak bezichtigt, da Kuwait st\"andig,
entgegen der OPEC-Beschl\"usse, die \"Olpreise dr\"uckte.
Die diplomatische Vorgeschichte
W\"ahrend der Verhandlungen hatte Saddam Hussein seine Truppen an
der Grenze zu Kuwait massiert (zuletzt 100 000 Soldaten), ein
Vorgang der von amerikanischen Satelliten registriert und am 28.
Juli Pr\"asident Bush von seinem Amtsnachfolger CIA-Direktor
Webster pers\"onlich zur Kenntnis gebracht wurde.
Dieser Beobachtung h\"atte es aber eigentlich gar nicht bedurft,
denn sp\"atestens am 25. Juli 1990 wurde klar, da{\ss} Hussein Kuwait
\"uberfallen wollte. An diesem Tag hatte Hussein mit der
amerikanischen Botschafterin April Glaspie ein zweist\"undiges
Treffen, in dem er ihr die irakische Sicht der Probleme der
irakischen Wirtschaft und mit Kuwait schilderte. Mit recht
deutlichen Worten er\"offnete er ihr, da{\ss} er gedenke, Kuwait zu
\"uberfallen.
Die bereits seit einigen Jahren im Irak akkreditierte
Botschafterin \"au{\ss}erte Verst\"andnis f\"ur die schwierige Lage Iraks
auch gegen\"uber Kuwait. Ihre Aussagen gipfelten darin, da{\ss} die
USA "keine Meinung zu arabisch-arabischen Konflikten wie dem
Grenzkonflikt mit Kuwait" habe.
Diese Aussage kam nicht etwa von ihr, sondern geschah auf eine
Direktive von Staatssekret\"ar James Baker hin. Leider ist die
inzwischen zur\"uckgerufene April Glaspie seit diesen Vorf\"allen
nicht mehr zu sprechen, da sie angeblich zuviel zu tun habe...
Als am 31. Juli dem CIA und dem amerikanischen Milit\"ar-
Geheimdienst klar war, da{\ss} ein irakischer Einmarsch zumindest in
die umstrittenen Gebiete unmittelbar bevor stand, zog sich der
Unterstaatssekret\"ar f\"ur den Nahen Osten und S\"udasien Kelly auf
die Position zur\"uck, da{\ss} die USA keine Beistandsvertr\"age mit
Kuwait h\"atten.
So verwundert es kaum, da{\ss} Hussein nach dem Einmarsch in Kuwait
von der heftigen Reaktion der USA \"uberrascht war. Der ehemalige
t\"urkische Pr\"asident Ecevit sprach nach dem Einmarsch in Kuwait
sogar davon, da{\ss} Hussein "in die Kuwait-Falle" gegangen sei.
Die USA w\"ahrend des ersten Golfkriegs
Die freundliche Haltung der USA gegen\"uber Irak war nicht neu,
sondern sie hatte schon vor und w\"ahrend dem Krieg gegen den Iran
bestanden. U.a. wurde Hussein damals vom CIA intensiv durch
kriegswichtige Satellitenfotos unterst\"utzt, die mindestens
einmal eine irakische Niederlage abwendeten haben. Es gab sogar
Pl\"ane f\"ur den Einsatz amerikanischer Kampftruppen, f\"ur den Fall,
da{\ss} Hussein in ernste milit\"arische Schwierigkeiten kommen
sollte.
Obwohl auch damals bekannt war, da{\ss} Hussein seine Macht mit
brutaler Gewalt auch gegen das irakische Volk aufrecht erhielt,
war es den USA wichtiger, ihn gegen den Iran Krieg f\"uhren zu
lassen. Schon damals gab es die gleichen Gr\"unde wie im neuen
Golfkrieg: Bei einem Sieg der Iraner w\"aren die \"Olscheicht\"umer,
Kuwait und Saudi-Arabien extrem gef\"ahrdet gewesen...
Parallelen zum Koreakrieg
Manchen mag das Geschehen am Golf einzigartig in der neueren
Geschichte erscheinen. Das war es aber durchaus nicht. Es gab
fast genau vierzig Jahre vor dem irakischen Einmarsch in Kuwait
schon ein mal eine ganz \"ahnliche Situation: Der Einmarsch
nordkoreanischer Truppen in S\"udkorea am 25.6.1950. Bereits zwei
Tage sp\"ater beschlo{\ss} der UN-Sicherheitsrat einen milit\"arischen
Einsatz. War in unseren Tagen das st\"andige Mitglied China bei
dieser entscheidenden Abstimmung nicht anwesend, so war es
damals die UdSSR. Auch hier hatte es offizielle Aussagen gegeben,
da{\ss} Korea au{\ss}erhalb des amerikanischen Verteidigungsbereichs
l\"age.
Zwar entsandten insgsamt 16 Staaten Kontingente in den
Koreakrieg, den L\"owenanteil hatten aber auch damals
amerikanische Truppen. Hatte heute der amerikanische General
Schwarzkopf das Oberkommando \"uber alle Truppen am Golf, so war
es damals der amerikanische General MacArthur.
Damals gaben sich die Alliierten nicht damit zufrieden, die
Nordkoreaner bis zur Demakrationslinie am 38. Breitengrad
zur\"uckzutreiben, sondern k\"ampften weiter bis sie an der
nordkoreanisch-chinesischen Grenze ankamen. Auch heute ging es
den USA offenbar nicht nur um die Befreiung Kuwaits, sondern um
die sp\"urbare Schw\"achung der irakischen Infrastruktur
(Bombardierung Bagdads) und der irakischen Armee, wie in den
letzten Kriegstagen im S\"udirak durchgef\"uhrt.
Der Koreakrieg ging damals mit einer nordkoreanischen
Gegenoffensive weiter, die von 200 000 chinesischen Freiwilligen
unterst\"utzt wurde. Diese Gegenoffensive trieb die Alliierten
unter amerikanischer F\"uhrung wieder bis s\"udlich von Seoul
zur\"uck. Danach stabilisierte sich die Front in der N\"ahe des 38.
Breitengrades. Nach drei Jahren Krieg wurde dann nach
zweij\"ahrigen Waffenstillstandsverhandlungen der Status quo
wiederhergestellt. Dieser Krieg und die in ihm aufgebaute Angst
vor der sowjetischen Bedrohung hatten fast vierzig Jahre Kalten
Krieg zur Folge...
Auch die wirtschaftliche Lage der USA war am Ende der vierziger
Jahre \"ahnlich schlecht wie heute. Mit den durch den Koreakrieg
rechtfertigbar gewordenen R\"ustungsausgaben in den USA und Europa
konnte die amerikanische Wirtschaft, auch \"uber den
R\"ustungsexport, in Schwung gebracht werden. Ein Konzept, das
vierzig Jahre lang die R\"ustungsindustrie gut und die restliche
Wirtschaft leidlich laufen lie{\ss}, die sozialen Leistungen aber,
vor allem in den USA, nachhaltig schw\"achte.
ViSdP: Stefan Merten f\"ur Kaiserslauterer Friedensplenum,
Buchenlochstr. 37, 6750 Kaiserslautern
--
My name is Stefan Merten and you can reach me at <merten@informatik.uni-kl.de>
"Socialism or barbarity" -- Rosa Luxemburg
"Radical (from radix: root!) thinking and moderate acting YES,
fanaticism or dogmatism NO!" -- Stefan Merten
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