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Article #62

Re: In Sachen Ehrenrettung fuer BB

#62
From: Matthias Urlichs
Date: Thu, 19 Dec 1991 00:42
233 lines
11846 bytes
In dnet.inet, article <1991Dec16.101317.19444@rusmv1.rus.uni-stuttgart.de>,
  zrzm0370@rusmv1.rus.uni-stuttgart.de (Joerg Scheurich) writes:
< 
< Juristisch sind die beanstandeten Newsgruppen (zumindest teilweise) gewalt-
< verherrlichend und damit jugendgefaehrdend. Allein die Weitergabe an 
< Jugendliche ist strafbar.

Falsch. In den Newsgroups geht es um Sexualitaet, nicht um Gewalt.

Setz dich mal in eine beliebige Wirtshausdiskussion, da hoerst du um
_Laengen_ mehr Gewaltverherrlichung, als angeblich auf dem Netz passiert.

< (auch wenn ich kein Jurist bin, wage ich das zu sagen)
< Kann irgendwer garantieren, dass der Schrott nicht irgendwann zum Beispiel 
< via Modem an die Mailbox eines Schuelers unter 18 geht ?
< 
(A) "Schrott" ist eine Wertung, die so nicht im Gesetz steht und in diesem
    Zusammenhang daher bitte aus der Diskussion rausbleiben sollte.
(B) Jeder Knirps darf in die Buchhandlung gehen und sich meinetwegen das
    Buch "Josefine Mutzenbacher" kaufen. "Schlimmere" (nach deiner Definition)
    Sachen als in diesem Buch beschrieben wirst du auf alt.sex bestimmt nicht
    finden.
Wo ist also die Rechtfertigung fuer eine Zugangsbeschraenkung ???

< Ausserdem gehoert zu einer Demokratie auch dazu, dass man sich an bestimmte
< Regeln haelt, und die sind mit diesen Newsgruppen mit Sicherheit verletzt.
< 
Wie zum Beispiel dem auf die Freiheit der akademischen usw.usf.?

Wie zum Beispiel an das Recht eines jeden, bis zum Beweis des Gegenteils als
erwachsener Mensch behandelt zu werden und bitteschoen selber denken zu
duerfen, selber entscheiden zu duerfen, was und warum mensch liest?

< Allein die Jugendgefaehrdung reicht aus, um den Schritt zu billigen (ganz zu 
< schweigen davon, dass ein Rechenzentrum auch auf seinen Ruf zu achten will,
< wie andere x-beliebige Institution und jeder andere x-beliebige andere Mensch
< auch ...).

Jugendgefaehrdung zieht nicht, siehe oben. Allerhoechstens bei den Bildern.
Aber um die geht es hier nicht, und es schadet der Diskussion, die Fragen von
Plattenplatz/Copyright/etc. mit den grundsaetzlicheren solchen zu vermischen,
die durch die Zensur von alt.sex,sci.military,et.al. aufgeworfen werden.

Der Ruf der Uni steht nicht in Frage, da die Uni nicht als Verbreiter
auftritt, sondern nur das Medium zur Verfuegung stellt. Die Bundespost
bekommt auch keinen schlechten Ruf, wenn jemand ihre Telefone zu verbotenen
Aktivitaeten benutzt, von nicht-verbotenen wie der menschlichen Sexualitaet
oder der auch an badenwuerttembergischen Universitaeten stattfindenden
Forschung mit militaerischen Anwendungsmoeglichkeiten mal ganz abgesehen.

< Fragt doch mal Mensch auf der Strasse, was er ueber harte Pornos, die ueber 
< Computernetze eingeschleusst werden, denkt ....
< 
Wenn ich genuegend viele Worte mit negativen Konnotationen ("harte Pornos",
"einschleusen") waehle, kann ich dem Mann auf der Strasse zu jedem beliebigen
Punkt eine negative Aussage entlocken. Argument abgelehnt.

< [ Abstimmungen ]
< Es wird aber nicht angewandt ( und das aus gutem Grund ! ). 
< Das hat etwas damit zu tun, dass auch mit News der Besitzer eines Rechners 
< die Verfuegungsgewalt ueber den Rechner behaelt.

Falsch. Eigentuemer ist die Uni. Als staatliche Institution hat sie kein
Mandat, zu entscheiden, welche gesellschaftlich relevanten(!) Themen auf
ihrem Gelaende etc.pp. behandelt werden duerfen. Nach dem Grundsaetzen der
akademischen Freiheit hat sie dieses Recht explizit _nicht_. 
Aus demselben Grund kann dieses nichtexistierende Mandat auch nicht auf die
Besitzer/in uebergehen.

< Da liegt der Poster falsch. Soweit ich weis, wurde ueberprueft, ob der Inhalt
< des EMMA-Artikels stimmt (indem die zugehoerigen Newsgruppen analysiert
< wurden ...). Aussage von Fr. Burr (auf die Aussage,"das waere doch alles nur
< halb so schlimm"): "Haben Sie mal in diese Newsgruppen hineingeschaut ?
< Ich habe es".

Natuerlich stimmt der Artikel von EMMA.
Ich meine das ernst; die zitierten Beispiele sind ebenso wie die Statistiken
faktisch nicht zu beanstanden.
TROTZDEM geben sie ein total verfaelschendes Bild wieder und sind ein sehr
gutes Beispiel dafuer, wie verantwortlicher Journalismus unter keinen
Umstaenden aussehen darf.

Wer das nicht merkt, ist ehrlich gesagt selber schuld und fuer eine Stellung
mit einer Mindestanforderung an Eigenintelligenz nicht einsetzbar.

< > Sind wir da nicht schon bedenklich nahe an der Zensur ?
< 
< Na und ? Der Beschluss, harte Pornos und andere Gewaltakte zu zensieren, ist 
< schliesslich auf halbwegs demokratischem Wege zustandegekommen.

"Eine Zensur findet nicht statt." (Grundgesetz)

Gewaltanwendung stoesst ausserdem bereits innerhalb der Newsgroups auf
ausreichenden Widerstand und entsprechende Gegenreaktionen der Leserschaft,
so dass die Notwendigkeit einer enternen beschraenkung entfaellt.

Gewaltfreie pornographische Schriften werden inzwischen (siehe das oben
erwaehnte Buch) allgemein nicht mehr als irgendwie gefaehrdend angesehen.

< Mit der vielbeschworenen Toleranz (Toller-ranz ?) scheint es nicht weit
< her zu sein.
< 
Toleranz findet in diesem Land sowieso nur gegenueber den uns angenehmen
Meinungen / gesellschaftlichen Gruppen statt. Oder ???

< (im uebrigen ist Frau Burr verheiratet)
< 
Das hat wohl relativ wenig mit dieser Diskussion zu tun.

< > Mit scheint, die News-
< > Bretter in Stuttgart wurden nicht aus ehrlicher Ueberzeugung sondern aus
< > billigem Opportunismus heraus abgeklemmt, [...]
< 
< Da ich die Fr. Burr ein bisschen kenne, muss ich sagen, dass es sich 
< nach meiner Einschaetzung nach um ehrliche Ueberzeugung handelt.

Sie hat mich vorher angerufen, und ich hatte eigentlich nicht den Eindruck,
dass sie vorhatte, _irgendwas_ abzuklemmen. Allerhoechstens die Bilder,
fuer deren Nichtverteilung sich aber ausreichend viele Argumente finden
lassen, die mit Zensur etc. nichts zu tun haben.

"Billiger Opportunismus" ist ein hartes Wort, wenn mensch moeglicherweise vor
die Alternative gestellt wird, entweder die Meinung des Arbeitgebers, mit der
mensch persoenlich nicht uebereinstimmt, zu vertreten, oder einen Job los zu
sein.  (Das ist mein persoenlicher Eindruck -- er kann falsch sein.)

< > 3) Die Gewalt in den Bildern liegt immer im Auge des Betrachters: 
<      [ Argumentation gekuerzt ...]
< >    Es haengt also entscheidend von der Phantasie des Betrachters ab,
< >    ob er in dem Bild Gewalt sieht oder nicht. Daher der einleitende
< >    Satz.
< 
< Da auch der Gesetzgeber den Unterschied in der Phantasie des Betrachters
< nicht kennt, ist das ziemlich irrelevant. 
< 
Genau. "Im Zweifel fuer den Angeklagten". Da die Bilder/Texte nicht eindeutig
durch Gewalt gegen Menschen ausgezeichnet sind, muss der Gesetzgeber und
damit wohl auch der Newsadministrator davon ausgehen, dass sie das nicht
sind.


< > >Wer dieses Sorte von Texten und Bildern konsumieren will, findet
< > >sie bestimmt irgendwo anders (Ja ich weiss ....). 
< > 
< > Nein, die Texte findet man eben nicht irgendwo anders.
< 
<Falls diese Texte wirklich nirgendwo archiviert werden, ist das ein schlagender
<Beweis fuer die niedrige Qualitaet des Inhalts ... 
<  
Falsch, das ist ein Beweis fuer die Lebendigkeit der Diskussion in den
betreffenden Newsgroups, die durch ein Nachlesen aus dem Archiv heraus
viel von ihrer Dynamik verliert -- ganz abgesehen von der fehlenden
Moeglichkeit der Partizipation.

< > Hast Du die Nutzer dieser Gruppen [gemeint waren die abgeklemmten Gruppen]
< > gefragt ?
< 
< Wozu ? Was waere mit der Information gewonnen, dass die, die diese Gruppen 
< nutzen, sie auch wollen ????

Vielleicht haette mensch, soweit dazu faehig, mit diesen Nuetzern eine
informierte Diskussion fuehren koennen, wieso diese Newsgroups gelesen werden
und was fuer Nutzen die Leser daraus ziehen.
Genauso mit sci.military und den Leuten, die sich fuer die Geschichte des 2.
Weltkriegs interessieren. (Es ist ja nicht so, als ginge es hier nur um
Pornos.)

< > - Wieso werden nicht zuerst die Pornohefte, die jeder im "Spar" Laden, mitten
< >   im Uni-Gelaende gelegen, kaufen kann. Das Angebot dort ist im vergleich zu
< >   anderen Supermaerkten auffaellig vielfaeltig. Ist dagegen nicht eher etwas
< >   einzuwenden?
< 
< Porno im "Spar"-Laden ist wohl kaum Fr. Burrs Problem, im Gegensatz zu
< Porno auf ihrem Rechner.

Verantwortlich fuer den inhalt jeder Newsgroup sind die Teilnehmer der dort
ablaufenden Diskussion und Information. Das gilt fuer alt.sex genauso wie
fuer jede andere Newsgroup.

< Mit Porno im Zeitungskiosk wird Profit gemacht.
< News kostet.
<
Irrelevant. Andere News kosten genauso, und mit anderen Zeitschriften macht
der Haendler genauso Profit.

<Nach Aussagen von Fr. Burr ist News in Stuttgart weder ein kulturelles Angebot 
< der Uni noch ein offizeller Netzservice (wie z.B. der ftp-server auf der
< gleichen Maschine)

Mit anderen Worten, die Uni ist nicht verantwortlich und braucht sich also
offiziell auch nicht um den Inhalt zu kuemmern. Fein! Super! Problem geloest!


< > Wer meint, diese Entscheidung fuer jemand anders treffen zu
< > muessen, spricht diesem Menschen die eigene Urteilsfaehigkeit
< > und Muendigkeit ab.
< 
< Wieso ist das Abklemmen bestimmter Gruppen eine Entscheidung, die man fuer 
< jemand anderes trifft ? Fr. Burr hat ja ausdruecklich darauf hingewiesen, dass
< man sich seine Informationen auch woanderst beschaffen kann.  
< 
Unter fuer den einzelnen grossem Aufwand, effektiv groesserem Platzverbrauch
durch mehrfache Datenhaltung, und einer ungleich groesseren Netzbelastung,
vom Umfang dieser Diskussion gar nicht zu reden.

Fazit: Es ist fuer Frau Burr wie fuer die Uni insgesamt sehr viel weniger
Aufwand an Arbeit wie an Verantwortlichkeit, sich aus der Problematik von
vornherein rauszuhalten und keine inhaltlichen Entscheidungen zu treffen.

Genau dadurch erzeugt die Uni naemlich erst ihre eigene Verantwortung fuer
das Newsangebot (die Bereitstellung an sich macht das nicht, dasurch wird
nur das Forum zur Verfuegung gestellt -- siehe oben) und muss sich dann
auch Fragen zum Sinn und Zweck von ihr meiner Meinung nach nicht zustehenden
moralischen Entscheidungen stellen.


< > Und wenn ich die Weisung vom Rektorat oder wem auch immer
< > kriege, solche Dinger abzubestellen?
< > 
< > Auf die Wirksamkeit solcher Massnahmen hinweisen.
< 
< Das Rektorat wird den Poster dann auf die Konsequenzen hinweisen. Wegen
< der juristischen Voraussetzungen wird der Poster dann ueber kurz oder lang
< den kuerzeren ziehen...
< 
Das Rektorat wird nichts dergleichen tun, weil der Poster sich im Normalfall
in den USA befindet und der Leser sich als denkender Mensch ueber den Inhalt
der gelesenen Newsgroups im klaren ist. Wenn nicht, hat er/sie/es an einer
Universitaet nichts verloren.

-- 
Matthias Urlichs  --  urlichs@smurf.sub.org -- urlichs@smurf.ira.uka.de   /(o\
Humboldtstrasse 7 -- 7500 Karlsruhe 1 -- Germany  --  +49-721-9612521     \o)/
Technical Details
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From: urlichs@smurf.sub.org (Matthias Urlichs)
Newsgroups: dnet.inet
Subject: Re: In Sachen Ehrenrettung fuer BB
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Date: 19 Dec 91 00:42:15 GMT
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